FINDORFF GLEICH NEBENAN. Im Parzellengebiet

Das neue Magazin FINDORFF liegt mit der aktuellen Sommerausgabe und dem Titelthema „Im Parzellengebiet“ an vielen Hotspots im Stadtteil aus. Viele Findorffer habe ihr Exemplar bereits im Briefkasten gefunden.

Die Kleingartengebiete Bremens sind untrennbar mit Kaisenhäusern verbunden, den kleinen Wohnhäusern auf Parzellen, die ihren Ursprung in der Wohnungsnot der Nachkriegszeit haben und von denen heute noch einige stehen. Mit Frage zur aktuellen Situation und der Zukunft dieser Häuser sind Ulf Jacob und Mathias Rätsch von Magazin FINDORFF auf mich zugekommen. Wie einige vielleicht wissen, habe ich zu dem Thema geforscht und die Ergebnisse mit Bildern, Dokumenten und Plänen im Buch „Mehr als ein Dach über dem Kopf – Bremens Kaisenhäuser“ festgehalten. Was soll ich sagen? Das Interview lest ihr in der aktuellen Ausgabe, und dann bin ich gemeinsam mit der engagierten Rike Fischer (Grafikerin, Wildblumenexpertin, Urban Gardening, Bremen im Wandel) auf dem Titel des Magazins gelandet. Die gelungenen Fotos sind auf einer Parzelle mit echtem Kaisenhaus (Danke Ute!) in Findorff von der versierten Fotografin Kerstin Rolfes gemacht worden.

Mathias Rätsch und Ulf Jacob haben wieder eine informative, lesenswerte und ansprechend gestaltete Ausgabe von FINDORFF GLEICH NEBENAN vorgelegt.

Buten-Findorffer können alle Ausgaben übrigens online lesen, dazu hier klicken.

Offiziell verwüstete Parzellen – Montbretienweg/Walle

Zufällig geriet ich heute in der Waller Feldmark in den Montbretienweg links vom Fleet. Ich habe eine Abkürzung gesucht und bin ahnungslos in den Weg gefahren, der von Baufahrzeugen vollkommen aufgewühlt worden ist. Das ist aber noch nicht alles. Was ich dort sah, muss ich mit euch teilen.

Viele Meter lang steht der Weg unter Wasser. Können die Parzellisten den Weg mit einem Fahrrad oder Auto befahren, um zu ihrem Garten zu gelangen?

Links vom Weg bieten sich scheußliche Anblicke: Vier Parzellen sind planiert, aber wie. Breite Reifenspuren tief in das Erdreich gegraben stehen voller Wasser. Hier waren Baufahrzeuge am Werk.

Ein kleines Obstbäumchen steht verwaist im tief gefurchten Matsch.

Die Anzahl der Baumstümpfe, die kürzlich noch Stämme  waren, die stattliche Kronen trugen, müssen noch gezählt werden. Das hier ist nicht der Weserdeich mit den Platanen in der Neustadt und nicht der Bahndamm mit den schlanken Birken in Findorff, hier kommt kaum jemand vorbei. Es wird nicht so rasch bemerkt, wenn Bäume gefällt werden und erregt kaum Gemüter. Die grüne Lunge von Walle.

 

Eine Parzelle wurde planiert, ohne die Steinlaube abzureißen.

Die Flächen sehen so aus:

 

Was ist im Montbretienweg los?

Im Moment habe ich viele Fragen:

A. Gehört diese Räumungsaktion zum Kleingartenplan 2025? Dazu gibt es seit einem Jahr Verhandlungen, die von Öffentlichtkeit weitgehend unbemerkt laufen. Auch der Landesverband der Gartenfreunde Bremen bezieht seine Gremien nicht in die Verhandlungen ein, wie dem folgenden Bericht zu entnehmen ist. Mit dem Bericht der Verwaltung für die Sitzung der Deputation für Umwelt, Bau, Verkehr, Stadtentwicklung, Energie und Landwirtschaft (S) am 19. Mai 2016 zum Kleingartenplan 2025 wird man sich in vielerlei Hinsicht ausführlich beschäftigen müssen! Er ist unter dem oben unterlegtem Link zu finden oder als .pdf-Datei aufzurufen: BdV_S_Kleingartenplan_Endf

B. Gehört diese Aktion zur Schaffung eines Naherholungspark Bremer Westen? Da empfiehlt es sich doch, alte Bäume und vorhandene Obstbäume stehen zu lassen! In dem Naherholungspark soll übrigens u.a. ein breiter Streifen mit einer Fläche von insgesamt von 420 Hektar rechts und links der Autobahn kleingartenfrei werden, wie in den Unterlagen beschrieben wird. Dort gibt es gut funktionierende Kleingartenvereine. Der Plan für das Naherholungsgebiets wird hier offiziell dargestellt. Dazu gehört der Montbretienweg soweit ersichtlich nicht.

C. Warum dürfen dort stehende Bäume gefällt werden und das während der Brutzeit der Vögel?

 

Der Montbretienweg findet sich auf google maps als namenlose Sackgasse vor dem Tulpenweg. Google earth zeigt dort einen üppigen Baumbestand.

Bitte teilen!

Fotos: Kirsten Tiedemann

 

Was wird aus der Fleetkirche? Ein Beitrag im Weser-Kurier

„Was wird aus der Fleetkirche?“ titelt ein unbedingt lesenswerter Artikel von Anne Gerling im Stadtteil-Kurier (West) des Weser-Kuriers am 18. Juli 2016. Darin gibt Gerling einen informativen Überblick zu Entstehung und Geschichte dieses besonderen Bauwerks in der Waller Feldmark, dessen Ursprung im massenhaften Wohnen auf der Parzelle in Kaisenhäusern* in der Nachkriegszeit zu finden ist. Die Bedeutung, die die Kirche in früheren Zeiten für die Kaisenhausbewohner hatte, schildert der Architekt Uwe Siemann eindrücklich. Erfreulich ist die Nachricht aus der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) zur Zukunft des einmaligen Gebäudes. Von Frau Sabine Hatscher, Sprecherin der BEK, ist zu erfahren, dass die BEK die Fleetkirche zwar nicht weiter selbst unterhalten werde, aber offen für Ideen einer Weiternutzung sei. Hatscher erklärt außerdem, dass auch die Abgabe des Gebäudes für einen symbolischen Preis möglich sei. Ich meine, mit einer „Stiftung Fleetkirche“ kann das Gebäude langfristig als kultureller Treffpunkt mit Sommercafé und angeschlossenem ganzjährigem „Draußen-Kindergarten“ erhalten werden und das Naherholungsgebiet Waller Feldmark bereichern.

* Die im Artikel genannte Zahl von bis zu 4.000 Parzellenbewohnern in den 1960er Jahren in der Waller Feldmark kann Seit der Vorlage meines Buches „MEHR ALS EIN DACH ÜBER DEM KOPF – BREMENS KAISENHÄUSER“ mindestens auf das vierfache nach oben korrigiert werden.

Weser-Kurier, Stadtteil Kurier West 18.7.2016

Weser-Kurier, Stadtteil-Kurier (West) 18.7.2016

Fleetkirche bleibt und sucht neue Besitzer

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Die Fleetkirche schmiegt sich in die Landschaft, 4. Juno 2016

Offenbar gibt es ein deutliches Interesse am Erhalt der Fleetkirche in Bremen, denn in der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) seien „einige“ eMails in der Sache eingetroffen, wie mir im grade geführten Telefonat gesagt wurde.

Und: Es gibt eine außerordentlich erfreuliche Nachricht, die ich euch sofort weitergeben will. Die BEK habe selbst zwar keine Verwendung mehr für dieses besondere Bauwerk in der Waller Feldmark, man sei aber im Gespräch über den weiteren Verbleib der Fleetkirche. Wasser und Strom seien abgestellt, die Pächter in ihre neue Bleibe gezogen. Einer Umnutzung stehe nichts im Wege und ein Verkauf – auch an einen Verein – sei möglich!

Spitzt eure Bleistifte für ein Nutzungskonzept, kratzt die Taler zusammen und bringt neues Leben in das ungewöhnliche Gebäude!

Ich freue mich sehr und bin gespannt darauf, was hier Schönes passieren wird.

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Rückansicht am 4. Juno 2016

Fotos: Kirsten Tiedemann

Wird Waller Fleetkirche bald abgerissen?! [aktualisiert]

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Foto: privat 2014

 

 

 

 

So wie es aussieht soll wieder eine bauliche Rarität der Bundesrepublik ver- schwinden. Bremen wird dadurch um ein charmantes Kleinod ärmer und verliert ein besonderes historisches Zeugnis der Nachkriegszeit. Die hier gezeigte Kirchen- glocke wird bald nicht mehr läuten können, denn sie soll  samt Fleetkirche abgerissen werden – das sieht es zumindest der aktuelle Plan vor.

Die Fleetkirche in der Waller Feldmark zeichnen nicht Pomp und Protz aus, Baustoff und Gestaltung fügen sich vielmehr dezent in das großflächige Kleingartengebiet und die Landschaft ein. Das ist vielleicht auch der Grund, warum sie nicht auf den ersten Blick ins Auge fällt. Gemessen an vielen ihrer steinernen Schwestern ist die Fleetkirche aus Holz recht klein. Ihre legale Errichtung im Jahr 1958 gehört untrennbar zur Geschichte der Kaisenhäuser und des Wohnens auf der Parzelle. Sie ist ein Unikat, das der bekannte Bremer Architekten Hermann Gildemeister für die Bremische Evangelische Kirche entworfen und realisiert hat.

Dieses historisch wertvolle Gebäude eignet sich in jeder Hinsicht, mit seinem einzigartigen Standort, dem besonderen Charme und den baulichen Voraussetzungen hervorragend für eine Umnutzung in ein attraktives Ausflugscafé mit gelegentlichen kulturellen Veranstaltungen. Das Konzept sollte sinnvollerweise das Prinzp eines lebendige Gedenkorts für die Geschichte der Parzellenkultur seit 1900 beinhalten. Solch eine Nutzung wird sich perfekt in die seit Jahren politisch gewollte Aufwertung der Waller Feldmark zu einem öffentlichen Naherholungsgebiet fügen.* Es wäre sehr zu begrüßen, wenn die Evangelische Kirche Bremen solch einem Vorhaben Vorrang einräumt.

 – Nachtrag 1: Es kommen viele weitere Ideen für Nutzungsmöglichkeiten des Gebäudes: Ein Kindergarten fändet hier ideale Bedingungen, denn es gibt auch eine große Wiese. Eine Ateliergemeinschaft bildender Künstler ist denkbar. Die Bremische Evangelische Kirche muss die Fleetkirche nicht weiter selbst unterhalten, sondern könnte sie auch verkaufen. Nachtrag 1 Ende –

Aktuell – Nahe des Waller Fleets in Bremens größtem Parzellengebiet Waller Feldmark werden erste Vorbereitungen zum Abriss der Fleetkirche getroffen. Zum ersten Juno ist die serbisch-orthodoxe Kirchengemeinde für Weser und Ems in Bremen e.V., die die kleine Kirche als Pächterin seit dem Jahr 2000 regelmäßig nutzte, samt Ikonen in ihr neues Quartier in der Dreifaltigkeitskirche/Vahr umgezogen. Dem intakten Gebäude wurde sofort der Strom abgeklemmt und einige Anwohner umliegender Kaisenhäuser erfuhren, dass Abbrucharbeiten in Kürze beginnen sollen.

Das Gebäude – Das hölzerne Gebäude mit seitlich eingeschobenem Glockenturm, stellt mit seiner vertikalen Verbretterung und den feinsprossigen Seitenfenstern Bezüge zur Gestaltung von Gartenhäuser her. Vor dem Eingang steht eine 40 Jahre alte Linde.

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Wer die Kirche betritt ist positiv erstaunt von dem hellen, warm wirkenden in Holz gehaltenen Innenraum mit seinem Tonnengewölbe. Das kreisrunde Altarbild stammt von der Künstlerin Bessie (Elisabeth) Pappenheim.

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Blick auf den Altar mit Altarbild der Künstlerin Bessie Pappenheim, Dezember 1999    Foto: privat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das  Kirchenschiff ist geräumig und nicht wie üblich mit fest installierten Bänken versehen worden, sodass der Raum je nach Bedarf leer, bestuhlt oder mit Stühlen und Tischen ausgestattet wurde. Im multifunktional genutzten Kirchenraum fanden bis zu 100 Personen (bestuhlt) Platz bei Gottesdiensten, Taufen, Konfimationen, Hochzeiten und zu Seniorennachmittagen. Ein Vorraum dient als Windfang, Garderobe und Aufenthaltsbereich. Mit der daneben befindlichen Küche konnte für das leibliche Wohl im Rahmen der Aktivitäten der evangelischen Gemeinde gesorgt werden. Auch das notwendige WC mit geschlossener Sammelgrube und eine einfache Heizung sind vorhanden. Über dem Vorraum befindet sich eine Empore, auf der früher die kleine Orgel stand.

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Fleetkirche, Blick zur Orgel. Dezember 1999                                                                            Foto: privat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit dem Rückgang der Zahl der Kaisenhausbewohner*innen schrumpfte die einstmals große Gemeinde im Parzellengebiet erheblich, sodass die evangelische Gemeinde Walle die Nutzung der Kirche 1999 beendete. Das Gebäude wurde nahtlos verpachtet und seit dem Jahr 2000 regelmäßig von der längerem bestehenden serbisch-orthodoxen Kirchengemeinde an allen Sonn- und Feiertagen genutzt.  Auf den von mir angebotenen Spaziergängen durch die Waller Feldmark mit verschiedenen Gruppen (z.B. Bildungsurlaub/Architekturstudierende) erhielten wir zweimal spontan die freundliche Gelegenheit, die Kirche zu besichtigen und durften dabei fotografieren.

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Fleetkirche, Innenraum 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Entstehungszusammenhang – Einige Menschen nahmen ihre Geschicke in der von massivem Wohnungsmangel geprägten Nachkriegszeit und von Bürgermeister Wilhelm Kaisen ausdrücklich dazu aufgerufen, selbst in die Hand und zogen in die Hütte bzw. Laube ihres Kleingartens. Man kann sagen, dass es sich um ein Prinzip des universellen Krisenmanagements von unten handelt, denn Staat und Stadt konnten der erheblichen Anzahl wohnungsloser Menschen kaum Hilfe, geschweige denn Unterkunft bieten. Was als behelfsmäßige Übergangslösung gedacht war verstetigte sich angesichts der mehrere Jahrzehnte anhaltenden Wohnungskrise, die einfachen Unterkünfte wurden in einer eigenwilligen Baukultur stetig verbessert und es entstand eine besondere Gartenwohnkultur. In Bremen lebten etwa 80.000 Menschen in sogenannten Kaisenhäusern verteilt über alle Kleingartengebiete der Stadt. So entstanden eigene Quartiere mit selbstorganisierter Infrastruktur. Viele Hintergrundinformationen und Fotos dazu findet ihr in meinem Buch „Mehr als ein Dach über dem Kopf – Bremens Kaisenhäuser“. Im Herzen des flächenmäßig größte Parzellengebietes, das auch heute noch von Findorff über Walle bis nach Gröpelingen reicht, errichtete die Bremische Evangelische Kirche 1958 die Fleetkirche, die als Teil der Waller Kirchengemeinde betrieben wurde. Ihr Bau stellte für die dort lebenden Menschen auch die Hoffnung auf ein dauerhaftes Bleiben in ihren umstrittenen, kleinen Eigenheimen dar. Es ist wohl der stärkste Ausdruck dafür, dass in der Waller Feldmark ein eigenes Quartier entstanden war.

Nachgefragt – Für meine näheren Nachfrage bei der Bremischen Evangelischen Kirche, in deren Besitz sich Gebäude und auch Grundstück befinden, und beim Landesamt für Denkmalpflege konnte ich die zuständigen Mitarbeiter bisher kurzfristig nicht erreichen.

– Nachtrag 2:

Meldet euch bei der Bremischen Evangelischen Kirche und macht ihr Vorschläge für eine sinnvolle Umnutzung der Fleetkirche in der Waller Feldmark. [ … ]

Nachtrag 2 Ende-

 

* In Rahmen der Aufwertung der Waller Feldmark zu einem neuen öffentlichen Naherholungsgebiet wurde die Route des geplanten Radwegs samt der neuen, nicht eben günstigen Brücke über das Fleet bereits extra an der attraktiven Kirche als Highlight vorbei geführt.

 

Fotos: Für die von Privat überlassenen Fotos bedanke ich mich herzlich! Kirsten Tiedemann

Mehr als ein Dach über dem Kopf – Bremens Kaisenhäuser

Grade gab es den schönen TV-Beitrag von Rut Hunfeld über „Schrebergärten mit Geschichte: Bremens Kaisenhäuser“ in der Nordtour von N3. Nun gebe ich für Interessierte, die mehr dazu lesen möchten, gerne den Hinweis auf mein Buch zur Geschichte der kleinen Wohnhäuser auf der Parzelle.bzb_Mehr als ein Dach über dem Kopf_Innen_Druckvorlage.indd

Zum Inhalt:

Von der Notunterkunft auf der Parzelle zur Wohnkultur im Garten

Vom stadtnahen Haus im Grünen träumen viele. Einige Menschen haben sich diesen Traum in den bremischen Kleingartengebieten scheinbar verwirklicht – obwohl das Wohnen in Kleingärten verboten ist. Die Erinnerung an die Entstehungszusammenhänge dieser Parzellenwohnhäuser mit eigenwilliger Architektur verblasst zusehends, denn die Gebäude verschwinden mit dem Ableben ihrer Bauherren aus den Kleingartengebieten. Die Historikerin Kirsten Tiedemann hat sich diesem bisher ungeschriebenen Teil der Bremer Geschichte angenommen.

Entstanden ist eine Studie zur Geschichte der Stadt aus sozial-, bau- und planungsgeschichtlichen Perspektiven. Sie betrachtet ihren Gegenstand aber in erste Linie aus Sicht der Bewohner und erst in zweiter Linie aus Sicht der planenden Institutionen und politischen Entscheidungsträger. Entstehungszusammenhänge und Wandlungen werden über einen Zeitraum von 57 Jahren ausgelotet.

In den Parzellengebieten Bremens entwickelte sich seit 1944 eine eigenwillige Bau- und Wohnkultur, deren Ursprung heute kaum noch bekannt ist. In der Notsituation der Kriegs- und Nachkriegszeit, als 61 Prozent des Wohnraums der Stadt zerstört war, nahmen einige Menschen ihre Geschicke selbst in die Hand. Sie schufen sich in den Kleingartengebieten eine Wohnstätte – anfangs mit, später ohne Bauerlaubnis – und organisierten sich eine lebenswerte Umgebung. „Kaisenhäuser“ wurden diese Parzellenwohnhäuser genannt: eine Anspielung auf den früheren Bürgermeister Wilhelm Kaisen, der sich für ihre Bewohner eingesetzt hat. Eine zweite Wohnwelle in den Parzellengebieten, die in den 1970er Jahren einsetzte, wird in der Studie ebenfalls thematisiert.

Kirsten Tiedemann konnte neue Sachverhalte aufdecken, wie eine „stille“ Generalamnestie von 1955 für sogenannte „Schwarzbauer“ oder die Herkunft der Bezeichnung „Kaisenhäuser“. Letztere ist auf ein Versprechen Wilhelm Kaisens zurückführen. Erstmals beschreibt Tiedemann außerdem Erfolge und Scheitern des Lösungsmodells „Gartenheimgebiet“, mit dem man versucht hatte, einzelne bewohnte Parzellengebiete in reguläre Einfamilienhaus-Wohngebiete umzuwandeln.

Von der Tatkraft und Entschiedenheit der Bewohner, von ihrer Widersetzlichkeit und vom sich wandelnden politischen Umgang mit den von ihnen geschaffenen Fakten handelt das Buch.

 

Kirsten Tiedemann, Mehr als ein Dach über dem Kopf, Bremens Kaisenhäuser

Verlag Bremer Tageszeitungen, Bremen 2012

ISBN 978-3-938795-39-2, Preis: 16,90 €

Direkt beim Verlag hier bestellen.

Kaisenhäuser werden Weltkulturerbe der UNESCO

Unerwartete und überraschend ist eine Lösung für die Causa „Kaisenhäuser“ in greifbare Nähe gerückt. Ein Antrag auf Anerkennung als immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe ist auf dem Weg und hat sehr große Chancen, dass er in Kürze positiv beschieden werden wird.

Wissenschaftlich wird die Bedeutung von Bremens Kaisenhäuser bereits über die Landesgrenzen der Bundesrepublik hinaus erkannt. Parallel zum Schreiben an meinem historischen Sachbuch „Mehr als ein Dach über dem Kopf – Bremens Kaisenhäuser“ durfte ich einen Beitrag verfassen zur umfangreichen Ausstellung „Hands-on Urbanism 1860-2012. Vom Recht auf Grün“ der Kulturtheoretikerin Elke Krasny/Wien, in der sie über 20 Beispiele aus aller Welt aus Geschichte und Gegenwart zusammengetragen hat. 2012 war die Schau mit meinem Beitrag „Wohnen auf der Parzelle – Bremens Kaisenhäuser“ im Architekturzentrum Wien zu sehen. Im selben Jahr war Krasnys Ausstellung auf der Biennale in Venedig vertreten, seitdem reist sie als gleichnamigen Wanderausstellung in verschiedene Städte weiterer Länder (Leipzig/Bremen/Aarhus/Toronto/Washington u.a.). Kürzlich hatte ich das besondere Vergnügen, Andrea Kleist/Senior Urban Strategist, Melbourne/Australien auf einem Spaziergang einige geschichtsträchtige Kaisenhäuser in Bremens Parzellengebieten zu zeigen. Die Stadtplanerin Andrea Kleist und die Wissenschaftlerin Elke Krasny, beide interessieren sich für die komplexen Prozesse der Stadtentwicklung u.a. mit dem Focus auf partizipative Elemente und die von politischer Seite (gewollte oder) ungewollte Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an der Gestaltung städtischer Räume. Da Kaisenhäuser bereits seit 70 Jahren existieren, das Wohnen auf der Parzelle in Bremen sogar seit 90 Jahren, besteht die einmalige Chance, solch eine Entwicklung, die als Bestandteil individueller Lösungsstrategien auf eine massive Wohnungskrise mitten in Europa verstanden werden kann, über einen langen Zeitraum zu analysieren. Architektur- und Sozialhistoriker*innen finden hier ein attraktives Forschungsfeld.

Diese hohe Bedeutung legt die logische Schlussfolgerung nahe, dieses besondere kulturelle Erbe, das Bremens Kaisenhäuser ohne Frage darstellen, anzuerkennen und die letzten noch existierenden intakten Gebäude als historische Artefakte langfristig zu erhalten. Welcher Weg soll sinnvoller Weise eingeschlagen werden, um diese Wohnhäuser als zeitgeschichtlichen Bestandteil der DIY-Baukultur sogenannter kleiner Leute für künftige Generationen zu sichern? Erfreulicherweise wird die bisher unterschätzte Bedeutung nun auch von der Bremer Landesregierung erkannt. Die Spitzenpolitiker beschreiten daher nun einen geeigneten Weg: Ziel ist es dabei, Kaisenhäuser als immaterielles Weltkulturerbe anerkennen zu lassen. Die zuständigen Stellen in der Bremer Landesregierung und Verwaltung (Senator für Umwelt und Bau, Landesamt für Denkmalpflege sowie Bürgermeister und Präsident des Senats) reichen den entsprechenden Antrag bei der Kultusministerkonferenz der Länder ein. Vorgespräche lassen mit großer Wahrscheinlichkeit erwarten, dass der Bremer Vorschlag in die deutsche Vorschlagliste für immaterielles Weltkulturerbe an die UNESCO aufgenommen werden wird, denn Kaisenhäuser sind entscheidend von Wissen und Können der Erbauer getragen und bringen deren Kreativität und Erfindergeist zum Ausdruck. Kaisenhäuser sind identitätsstiftend. Es sind Produkte einer handwerklichen Kunst, die damit geschützt werden. Damit finden sie sich in der Definition der Formen immateriellen Kulturerbes der UNESCO wieder:

„Formen immateriellen Kulturerbes sind entscheidend von menschlichem Wissen und Können getragen. Sie sind Ausdruck von Kreativität und Erfindergeist, vermitteln Identität und Kontinuität. … Zu den Ausdrucksformen gehören Tanz, Theater, Musik und mündliche Überlieferungen wie auch Bräuche, Feste und Handwerkskünste.“ 

Von der Anerkennung der Kaisenhäuser als immaterielles Weltkulturerbe, und die damit verbundene Popularität, werden alle Beteiligten profitieren: Die Stadt Bremen wird um eine historisch bedeutsame Attraktivität reicher, mit der eine neue Zielgruppe von Touristen angesprochen werden kann. Die Kaisenhausbesitzer wissen sich rechtlich abgesichert und werden in den Erhalt der kleinen Wohngebäude investieren, da diese nach dem Auslaufen des Wohnrechts dauerhaft als Gartenhäuser genutzt werden können. Das Potential der kleinen Häuser als Gartenhäuser erkennen schon jetzt weitere Interessenten, wie ich kürzlich hier in meinem Beitrag „Kaisenhaus mit Zukunft“ vorstellte. Last but not least werden die Kleingartengebiete durch den neuen, international anerkannten, schützenswerten Status der Kaisenhäuser positive Aufmerksamkeit erhalten, wodurch auch die Kleingärten aufgewertet werden. Die Nachfrage nach Gärten wird ansteigen.

Die hohe kulturelle Bedeutung von Kaisenhäusern soll inzwischen auch von Mitgliedern im Landesverband der Gartenfreunde Bremen e.V. erkannt worden sein. Zwar fallen  offizielle Mitteilungen noch anders aus, aber gut informierte Kreise berichten, dass Mitglieder des Landesvorstands die weitsichtige Vermutung geäußert haben, dass ein Verfahren zur Anerkennung von Kaisenhäusern als Weltkulturerbe bald in Gang gebracht werden würde. Einer derart bedeutsamen Ehrung der regionalen Geschichte die fester Bestandteil des Kleingartenwesens ist, wird man sich nicht entgegen stellen werden. Man sei von der positiven Wirkung zum Wohle des Kleingartenwesens überzeugt, wird gesagt.

[Nachtrag vom 4.4.: Dieser Beitrag war ein Aprilscherz.]