Zweites Frühsommerfest im Grünen Bremer Westen [Tipp/save the date]

Das Frühsommerfest im Grünen Bremer Westen bildet heuer den krönenden Abschluss der ersten Woche des Gartens in Bremen. Das Projekt Green Urban Labs beim Senator für Umwelt (Lisa Hübotter und Thomas Knode) ist Initiator und Organisator – in diesem Jahr gibt es die erfolgreiche Kooperation mit dem Landesverband der Gartenfreunde Bremen e.V.

Am Sonntag, 23. Juni 2019, von 11.00 bis 18.00 Uhr bieten Gartenprojekte, Freizeitgärtner*innen, Kleingärtnervereine und Initiativen ein wunderbares Programm von Walle bis Gröpelingen (und auf dem Peterswerder). Packt das Picknickkörbchen ein, die Badesachen und macht euch mit dem Rad auf den Weg in den Grünen Bremer Westen! Genießt die festliche Natur, René Paul Niemanns Fleetkirche und den Kleingartenpark „In den Wischen“. Vielfältige Vereine und Initiativen, das Kaisenhausmuseum sowie der Blocklandgarten in der ehemaligen Justizvollzugsanstalt und viele private Gärten erwarten euren Besuch.

Ich biete eine Radtour durch Parzellenwege mit Kaisenhäusern in der Waller Feldmark zu anziehenden, weitgehend unbekannten „Orten“ im Kleingartenpark In den Wischen, Gröpelingen an. Start 13.00 Uhr. Treffpunkt siehe unten. Ihr könnt gern spontan dazu kommen. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Unsere Fahrt führt schließlich zur Gaststätte des Kleingärtnervereins „Blüh‘ auf“, der grade sein 100-jähriges Gründungsjubiläum feiert. Dieses besondere Fest hat der Verein übrigens zum Anlass genommen, sich gemeinsam mit mir seiner Geschichte zu widmen. Das Ergebnis ist eine Festschrift mit 144 (!) prall gefüllten Seiten, genauer gesagt ist ein informatives, reich bebildertes Buch daraus geworden. Es handelt von den Gärtnerinnen und Gärtner von gestern, heute und morgen, die „den besonderen Biss“ dieses Vereins ausmachen. Das Buch haben der Vorsitzende, Jürgen Huss, und ich gemeinsam in sehr guter Zusammenarbeit innerhalb eines Jahres entwickelt und geschrieben.

Das umfangreiche Programm von Sommerfest und Gartenwoche kann auf folgender Website des Senators für Umwelt, Bau und Verkehr als pdf-Datei herunter geladen werden.

See you!

Nr. 65//GRÜNER BREMER WESTEN – KIRSTEN TIEDEMANN
Radtour durch den Grünen Bremer Westen, 13:00 Uhr
Treffpunkt: Waller Damm – Ecke Fahrwiesenweg (Walle)

Die 7 km lange Tour führt uns auf verwunschenen Wegen durch den abwechslungsreichen Grünen Bremer Westen.
Wir starten in der Waller Feldmark (Kaisenhäuser), fahren am Waller Feldmarksee vorbei und erkunden das kunterbunte Leben im Kleingartenpark „In den Wischen“. Seerosen auf dem Maschinenfleet, das Vogelschutzgehölz mit traumhaften Buchen und idyllische Parzellen liegen auf dem Weg. An unserem Ziel, in der Gaststätte Blüh‘ auf, wartet eine Erfrischung auf uns.
Treffpunkt: Waller Damm – Ecke Fahrwiesenweg (Walle)
Ziel: Vereinheim „Blüh‘ auf“ am Mittelwischweg
Es ist keine Anmeldung erforderlich.

Programmheft S. 38, Angebot Nr. 65

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Zur Geschichte der Kaisenhäuser in der Süddeutschen Zeitung

Brandaktuell gibt es einen Beitrag zu Kaisenhäusern und der Geschichte des Wohnens auf der Parzelle in der überregionalen Süddeutschen Zeitung – einschließlich der Hinweise auf das Kaisenhausmuseum in der Waller Feldmark und auf mein preisgekröntes Buch „Mehr als ein Dach über dem Kopf – Bremens Kaisenhäuser“.

Doll.

Wie mag es wohl zu dem aktuellen Interesse am Thema kommen?

(Zwei Punkte des informativen Beitrags möchte cih ergänzen: A) In Spitzenzeiten waren in Bremen aufgrund der Wohnungsmangels bis zu 10.000 Parzellen Ende der 1950er Jahren dauerhaft bewohnt. B) Die Bewohner organisierten sich nicht nur in ihren Kleingartenvereinen, um ihre unmittelbare Lebenssituation vor Ort zu verbessern,  darüber hinaus gründeten sie bereits in den 1950er Jahren die „Interessengemeinschaft der Parzellenbewohner e.V.“ für die dauerhafte Legalisierung ihrer Gartenwohnkultur. Für die Vernetzung der Mitglieder gab man eine eigene Zeitung heraus, beriet rechtlich und war bremenweit gemeinsam politisch aktiv. Dieser Verein existiert bis heute.)

20. September 2018, 18:58 Uhr

Kaisenhäuser Die Auswohner

Nach dem Krieg war die Wohnungsnot so groß, dass Bremens Bürgermeister das Leben in Gartenhäusern erlaubte. Manche wohnen – nach Umbauten – noch heute darin.

Von Joachim Göres

 

Der Bau neuer und die Vergrößerung vorhandener Notwohnungen in Kleingärten ist zulässig.“ Mit dieser Notverordnung legalisierte Bremens Bürgermeister Wilhelm Kaisen im August 1945 das Wohnen in Lauben und Schuppen, das bis dahin verboten, aber in der vom Krieg zerstörten Stadt gängige Praxis war.

Maximal 30 Quadratmeter Wohnfläche erlaubte der sogenannte Kaisenerlass. Aber nur vorübergehend, bis die größte Not überwunden war – so die Ansage der politisch Verantwortlichen, die das dauerhafte Wohnen in Kleingärten verhindern wollten. Sie befürchteten, dass die beengten Wohnbedingungen und die fehlende Infrastruktur – kein Strom, keine Heizung, kein fließend Wasser, nur Plumpsklos – zu Krankheiten und sozialen Problemen führen könnten.

Mehr als 70 Jahre später wohnen in Bremen immer noch mehrere Hundert Menschen in den Gebäuden, die nach ihrem Förderer Kaisenhäuser genannt werden. „Meine Frau ist hier geboren und ich bin hier 1973 mit eingezogen“, sagt Wolfgang Golinski. Der 74-Jährige lebt mit seiner Ehefrau in einem zweistöckigen Haus auf 150 Quadratmetern Wohnfläche und großem Garten in Bremen-Walle am Rande der Stadt. Die meisten Kaisenhäuser bestehen nur aus einem Erdgeschoss, einen Keller hat hier niemand.

Das Ehepaar Golinski gehört zu den Auswohnern – so werden diejenigen genannt, die bis zu ihrem Lebensende in dem Gartenhaus wohnen dürfen. Danach wird das Haus auf Kosten des Landes Bremen abgerissen, so sieht es eine Vereinbarung aus dem Jahr 2002 vor. Stichtag ist der 28. Mai 1974 – wer bis zu diesem Zeitpunkt in ein Parzellenwohnhaus gezogen war, dem wird das Auswohnrecht garantiert. Mehr als 100 Gebäude stehen mittlerweile leer und die Zahl nimmt stetig zu.

„Das Schönste war die Gemeinschaft“, sagen ehemalige Bewohner

Im ehemaligen Haus der Familie Kopmann befindet sich heute das Kaisenhaus-Museum. Fred und Elisabeth Kopmann feierten hier 1957 Richtfest. Die Pläne für den Ausbau reichten sie bei der zuständigen Behörde ein. Nach einer negativen Antwort realisierten sie den Anbau einige Jahre später dennoch. Anbauten sind typisch für die Kaisenhäuser – so konnte der knappe Platz etwas vergrößert werden.

Das Museum ist im Stil der 50er-Jahre eingerichtet: Eine kleine Küche mit dem Herd als einziger Heizquelle, ein kleines Wohnzimmer mit Nierentisch. Eine steile Treppe führt ins Obergeschoss zum original erhaltenen Schlafzimmer der Vorbesitzer unter den Dachschrägen. Im Eingang findet sich ein Bollerwagen mit großem Glasbehälter, in dem das Wasser von der drei Kilometer entfernten Zapfstelle nach Hause befördert wurde. Einen Trinkwasseranschluss gab es in den Kleingärten erst 1960. Damals lebten in 6000 Kaisenhäusern mindestens 23 000 Menschen, für die sich das Leben nun deutlich verbesserte: „Das erste Wasser aus dem Hahn haben wir aus Sektgläsern getrunken.“

1949 hatte Bremen die Erlaubnis zum Hausbau im Kleingarten wieder zurückgenommen. Dennoch wurde fleißig weiter gebaut. Kontrolleure sollten die Schwarzbauten verhindern, Rohbauten wurden abgerissen. „Das hat dazu geführt, dass die Häuser an einem Wochenende hochgezogen wurden. Das klappte nur, weil sich die Bewohner dabei gegenseitig geholfen haben“, erzählt Golinski. Vor allem Ostern und Pfingsten waren wegen der zusätzlichen Feiertage bevorzugte Bautermine. Ein ehemaliger Bewohner erinnert sich: „Erst kam der Sichtschutz, dann wurden die Fundamente schon mal vorher gemacht, und dann, Karfreitag, waren fünf oder sechs Mauerleute da, also der ganze Weg war bereit, und wir kriegten Erde und Sand… Und die unmittelbaren Nachbarn kamen mit der Schaufel …und dann wurde ruck zuck hochgemauert und geputzt.“ Hingen Gardinen hinter den Fenstern, galt das Haus als bewohnt und wurde von der Baupolizei toleriert. Mit der Zeit eröffneten hier Geschäfte wie Bäcker, Schlachter und Lebensmittelläden, die in den 50er-Jahren entstandene Kirche steht noch.

1974 trat dann die erste Stichtagsregelung in Kraft: Nur wer schon 1955 in einem Kaisenhaus wohnte, sollte bis zum Lebensende dort bleiben dürfen. Weitere Ausbauten wurden verboten. Doch der lautstarke Protest der Bewohner konnte die Umsetzung dieses Beschlusses verhindern. Sie fühlten sich moralisch im Recht, hatten sie doch sämtliche Bauten in Eigenregie und das ohne Kredite oder staatliche Unterstützung verwirklicht und damit die Wohnungsnot gelindert.

Kirsten Tiedemann hat in dem Buch „Mehr als ein Dach über dem Kopf“ die Geschichte der Kaisenhäuser aufgeschrieben. Dass die Bewohner über Jahrzehnte ihre Vertreibung verhindern konnten, hat für sie mehrere Gründe. Dazu zählen der hohe Organisierungsgrad der Parzellenbewohner in den Kleingartenvereinen, die Sympathie des SPD-Bürgermeisters Kaisen für die Bewohner sowie das Wahlverhalten und die Parteizugehörigkeit der Menschen, die überwiegend den Sozialdemokraten nahestanden. Nicht zuletzt dürfte der Zusammenhalt zum erfolgreichen Kampf ums Gartenhaus geführt haben. Golinski: „Wenn unser Museum geöffnet hat, kommen vor allem ehemalige Bewohner. Dann hört man immer wieder: ‚Das Schönste war die Gemeinschaft.'“

Das Kaisenhaus-Museum im Behrensweg ist in diesem Jahr noch am 23. September und am 14. Oktober geöffnet, es können zudem extra Termine vereinbart werden (www.kaisenhaus.de).

„Laube – Liebe – Hoffnung“ & „Bremens Kaisenhäuser“ / Filme und Gespräch mit Zeitzeugin auf dem Frühsommerfest [Tipp]

Kleingärten und Kaisenhäuser sind fester Bestandteil der Parzellengebiete Bremens, in denen seit 100 Jahren und mehr gegärtnert wird. Dieser Gegenwart und Geschichte widmen sich die Kurzfilme  „Laube – Liebe – Hoffnung“  und „Bremens Kaisenhäuser … aus der Not geboren“, die ich euch am 3.6. ab 17.00 Uhr auf dem Frühsommerfest im Blocklandgarten (ehem. JVA Oslebshausen) vorstellen werde. War es früher für viele Menschen eine Notwendigkeit, eine Parzellen zu bewirtschaften und manchmal auch darin zu wohnen, so ist es aktuell eine Gartenlust mit verschiedenen Motivationen. Damals wie heute hebt der Garten die Lebensqualität. Im Anschluss an die Filme begrüße ich Marianne Berger als Gast. Mit ihr als Zeitzeugin zu den Anfängen der Kaisenhäuser spreche ich über den Aufbau und das Leben in so einem kleinen Wohnhaus in einem Kleingarten.

„Laube – Liebe – Hoffnung“ ist eine filmische Momentaufnahme der Vielfalt der Lust am Gärtnern auf der Parzelle. Es erzählen eine junge Familie, ein Öko-Gärtner, ein Imker, Fachberater und ein Ehepaar, das seit vielen Jahren im Garten lebt. (13 Minuten)

Von den Anfängen der kleinen Wohnhäuser, die heute noch vereinzelt in Kleingärten zu sehen sind, handelt die Ton-Bild-Collage „Bremens Kaisenhäuser … aus der Not geboren“. Historische Fotos aus privaten Alben verbunden mit O-Töne aus Interviews mit Zeitzeugen geben einen Einblick, wie die Menschen die beschwerlichen Anfänge meisterten – wie sie mit Schaffenskraft und Ideenreichtumg manch eine Hürde überwinden konnten, um sich in der Nachkriegszeit ein neues Zuhause zu schaffen, – damals als die Stadt keinen Wohnraum bot. (13 Minuten)

Anschließend freue ich mich Marianne Berger begrüßen zu dürfen, die als Zeitzeugin ihre Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend in einem Kaisenhaus in der Waller Feldmark mit uns teilen wird. Marianne Berger verbrachte ihre Kindheit und Jugend in dem kleinen Wohnhaus, das ihre Eltern aufgebaut hatten. Sie erinnert sich auch an das notwendige Miteinander jener Anfangsjahre in der Nachkriegszeit zum Beispiel für das Trinkwasser.

* Die Filme werden gezeigt mit freundlicher Genehmigung des Vereins Kaisenhäuser e.V./ Kaisenhausmuseum Bremen

Rechtliche Grundlage zur Bebauung von Walles „grüner Lunge“ fehlt – Hintergrundinfos

dieser Post ist eine leicht üerarbeitete Fassung meines Beitrags, der seit anfang auf dem Blog findorff aktuell von Mathias Rätsch zu lesen ist.


Im „Streit“ um die Idee der SPD, Teile der Waller Feldmark, die „grüne Lunge“ Walles, mit Einfamilien zu bebauen, ist es sinnvoll, sich die Situation vor Ort genauer anzusehen. Hier habe ich einige allgemeine Hintergrundinformationen zusammen getragen, die ihr gerne ergänzen könnt. Schreibt mit einfach einen Kommentar.

Von den 16.000 Kleingärten in Bremen (Stadt) befinden sich etwa 4.000 im Bremer Westen rechts und links vom Waller Fleet. Die Gartengrundstücke sind überwiegend im Besitz der Stadtgemeinde Bremen, ein kleiner Teil gehört privaten Eigentümern (»Bauernland«) und der Evangelischen Kirchengemeinde. Sie alle verpachten ihre Flächen teilweise seit 100 Jahren an Kleingartenvereine. Geschaffen wurden viele der Gärten auch in Walle in der Zeit des Mangels und des Hungers während des Ersten Weltkrieges. Die Stadt Bremen legte sehr viele der Kleingärten systematisch und in sehr großer Zahl zur Selbsthilfe der Stadtbevölkerung an. Daneben befindet sich eine unbekannte Anzahl von sogenannten »Eigenlandparzellen« in Privatbesitz. Es gibt mehr als zehn Kleingärtnervereine, in denen sich die Kleingärtner zur Verwaltung (Pachtzahlung/ gemeinsame Wasserversorgung/ Wegepflege usw.) und zur Vertretung ihrer Interessen nach außen zusammengeschlossen haben. Sie gehören dem Dachverband Landesverband der Gartenfreunde Bremen e.V. an. Zur tatsächlichen Ausnutzung der Kleingärten in der Waller Feldmark gibt es unterschiedliche Angaben. Ein Bündel von Gründen führte dazu, dass insgesamt etwa 350 Kleingärten in Bremen ungenutzt brach liegen – viele davon befinden sich im Bremer Westen. (Zahlen nach Landesverbands der Gartenfreunde Bremen e.V.) Es liegen also nicht 30 Prozent, sondern weniger als 10 Prozent der Gärten in der Feldmark brach.

Die Fleetkirche am Storchenweg steht leider seit Sommer 2016 ungenutzt da. Foto: Kirsten Tiedemann

Das Grüngebiet ist vielfältig

Im Herzen des weitläufigen Parzellengebietes befindet sich eine Kirche – die Fleetkirche am Storchenweg. Sie dürfte bundesweit einmalig sein, wird aber leider seit letztem Sommer nicht mehr genutzt. [by the way: Haben sich inzwischen eigentlich Interessenten oder Käufer für die einmalige Immobilie gefunden?]  In der Waller Feldmark sind neben den einer vielfalt „gewöhnlicher“ Kleingärten ganz unterschiedliche Initiativen etabliert und willkommen: Der Internationale Garten Walle unterstützt beispielsweise Menschen verschiedener Kulturen sich miteinander zu verbinden. In direkter Nachbarschaft dazu befindet sich WUPP, das Waller Umweltpädagogik Projekt. Im Milanweg ist der »Garten jEden« eine gut funktionierende Beschäftigungsinitiative. Im hinteren Bereich gelegen ist eine kleiner landwirtschaftlicher Betrieb und noch weiter zur Autobahn hin befindet sich ein Ponyhof. Der Waller Wassersportverein e.V. hat sein Bootshaus am Fleet. Obstbaumwiesen sind hier und da angelegt worden. In diesem weitläufigen grünen Gebiet sind in einigen Kleingärten die letzten Kaisenhäuser zu entdecken. Einige dieser kleinen Wohnhäuser sind (legal) bewohnt, andere werden als Gartenlauben und wieder andere stehen leer. Sie alle haben ihren Ursprung in der massiven Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg. An die Geschichte dieser ungewöhnlichen Gartenwohnkultur und ihre tatkräftigen Bauherren und deren Familien erinnert das Kaisenhausmuseum im Behrensweg. Umfangreiche Informationen findet ihr außerdem in meinem Buch „Mehr als ein Dach über dem Kopf – Bremens Kaisenhäuser„, das im Weser-Kueire erhältlich ist. Hier klicken zur online Ansicht und Bestellung.

Die Besitzerin dieses intakten Kaisenhauses in der Waller Feldmark schenkte mir zum Abschied einen wunderbaren Blumenstrauß aus ihrem Garten. Foto: Kirsten Tiedemann

 

Naherholungspark Bremer Westen – Der Plan für das Gebiet ab 2016

Für die gesamte Fläche liegt ein Plan vor, der vorsieht, das neue »Naherholungspark Bremer Westen« zu entwickeln: Bereiche mit Kleingärten, Wochenendhausgebieten, Biotope mit Obstbaumwiesen, Radwege und Flächenangebote zum Grillen u. ä. und auch Ausgleichsflächen für Baumaßnahmen sollen hier ihren Platz erhalten. In die partizipative Entwicklung dieses Plans waren auch Kleingartenvereine und weitere Akteure aus dem Gebiet und dem Stadtteil einbezogen worden. Das Ergebnis wurde im Oktober 2016 öffentlich vorgestellt. Mit der Umsetzung ist bereits begonnen worden, beispielsweise kauft die Stadt seit Jahren leer gefallen Parzellen auf, um einen Radweg anzulegen und eine zusätzliche, von manchen als überflüssig angesehene, außerordentlich tragfähige Brücke über das Fleet wurde bereits fertig gestellt. Der Weser-Kurier zum Naherholungspark Bremer Westen hier klicken.

Was sieht der Flächennutzungsplan vor?

Im gültigen Flächennutzungsplan von 2014 findet die seit langem angekündigte Entwicklung ihre rechtliche Grundlage. Der Waller Feldmark ist der Status »Dauerkleingartengebiet« aberkannt worden und wird nun als »Gestaltungsraum Kleingärten, Freizeit und Natur Bremer Westen« ausgewiesen. Der gültige Bebauungsplan weist keine Baufläche aus. So oder so gibt es aktuell keine Rechtsgrundlage, um in der Waller Feldmark zu bauen. Um das zu ändern bedürfte es einer politischen Mehrheit, die es in der Bremischen Bürgerschaft zurzeit nicht gibt. Mehr Details im Flächennutzungsplan Bremen.

Aus diesem verlassenes Kaisenhaus in der Waller Feldmark ließe sich sicherlich ein feines Gartenhaus machen. Foto: Kirsten Tiedemann

„Auf Lebenszeit in der Laube“ – Sonntagsspaziergang im Deutschlandfunk

„Ein kleiner Trupp Neugieriger hat sich an der Endstation des Busses versammelt. Bis hierhin hat sich ein Gewerbegebiet ausgedehnt, dahinter beginnt das Reich der Kleingärtner. Lange, ungeteerte Wege mit Namen wie Milanweg oder Gartensängerweg, schmale Gräben und Kanäle, und hinter den Hecken die sogenannten „Parzellen“. Die meisten sind gepflegt, mit kurz geschnittenem Rasen, Blumenrabatten oder Gemüsebeeten, andere völlig zugewuchert mit Brombeerbüschen, Farn, Brennnesseln und verwilderten Obstbäumen. Aus der Ferne tönt der Schallteppich einer Autobahn.

An der Haltestelle wartet schon Kirsten Tiedemann.“

So beginnt der Sonntagsspaziergang „Auf Lebenszeit in der Laube“ von Günter Beyer, der kürzlich im Deutschlandfunk gesendet wurde. An Originalschauplätzen sammelte der freie Journalist aus Bremen im Sommer O-Töne und Informationen für diesen Radiobeitrag und begleitete den von mir bei der VHS-Bremen angebotenen Spaziergang „Kaisenhäuser – Fleetkirche – Parzellenkultur“ in der Waller Feldmark. Beyer unternahm später noch einen Abstecher in das Kaisenhausmuseum. Entstanden ist ein schönes Hörstück mit verschiedenen akustischen Eindrücken, einschließlich quietschender Gartenpforte, das an die Geschichte der Kaisenhäuser und ihrer Bewohner in einem Bremer Kleingartengebiet erinnert.

Der sechsminütige Sonntagsspaziergang kann als Podcast im Internet nachgehört und gelesen werden, hier klicken. Er ist genau das Richtige für einen grauen Sonntag. Reinhören! Und später geht es mit dem Picknickkorb zum Frühlingsfest in den KulturGarten Arbergen!

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Ein Kaisenhaus. Foto: A. Oettingshausen

P.S.: … wer jetzt mehr über die Geschichte der Kaisenhäuser und ihre Bauherren und  Bewohner erfahren möchte, findet umfangreiche Infos, viele historische Fotos und Dokumente sowie Erinnerungen der Aufbaugeneration in meinem Buch „Mehr als ein Dach über dem Kopf – Bremens Kaisenhäuser“.

ISBN 978-3-938795-39-2, Preis: 16,90 €.

Intakte Kaisenhäuser als Gartenlauben – Beitrag zur Diskussion

In der Deputation für Umwelt ist am 5. März 2015 eine Wende im Umgang mit Kaisenhäusern beschlossen worden. Nun ist es gestattet, ein intaktes Kaisenhaus in einem Kleingarten nach dem Ende eines lebenslangen Wohnrechts als größeres Gartenhaus zu nutzen (BklG §18). Seitdem arbeitet die Bauverwaltung nach den beschlossenen Eckpunkten der Übergangsregelung (zu den Eckpunkte hier klicken). Es kursieren Gerüchte, dass der Erhalt intakter Kaisenhäuser als Lauben, wie auch eine Höhe der Gartenhecke über 1,10 Meter, generell den Status unserer vielfältigen Kleingartengebiete gefährde. Leider fehlen dafür sachliche Argumente. Können diese Sachverhalte eigentlich wirklich für den Entzug des geschützende Status‘ eines Kleingartengebiets sorgen? Für einen Beitrag im aktuellen Gartenblatt von Mitgliedern im KGV Beim Kuhhirten e.V bin ich der Frage nachgegangen und stelle ihn heute hier vor. (Doppelklick auf das Bild vergrößert den Text zur besseren Lesbarkeit.)

Gartenblatt2015_Kaisenhäuseraktu_0001Wann kann der Status „Kleingartengebiet“ entzogen werden?

Hierfür können verschiedene Sachverhalte ausschlaggebend sein:

a) In der Schriftenreihe des Bundesverbands der Gartenfreunde e.V. wird auf ein Urteil des Bundesgerichtshof vom 22.4.2004 (III Z/163/03) hingewiesen, in dem festgestellt wird, dass eine Kleingartenanlage nicht mehr vorliegt, wenn 50 Prozent und mehr der Parzellen mit massiven Bauwerken, die ganzjährig bewohnt werden, versehen sind. Dieser Prozentsatz kann auch etwas geringer sein, wenn eine Kleingartenanlage insgesamt den Eindruck eines Siedlungsgebietes macht.

b) Ein anderer wichtiger Umstand kann die mangelnde Nachfrage nach Parzellen sein und ein damit verbundener Leerstand vieler Gärten. Davon hört man hin und wieder aus den neuen Bundesländern.

Wie sieht die Situation in Bremen aus?

Zu a) Laut offizieller Angaben gibt es noch 1000 Kaisenhäuser bei insgesamt 15.000 Parzellen im Stadtgebiet Bremens. Es befinden sich heute also auf rund sieben Prozent der Parzellen der Stadt Kaisenhäuser in unterschiedlichstem Zustand – von der Ruine bis hin zum intakten, meist kleinen Wohnhaus. Die Anzahl der Kaisenhäuser wird sich weiter verringern, da einige dieser Häuser als Ruinen bereits zum Abriss angemeldet sind. Der Anteil der Parzellen mit Kaisenhaus variiert in einzelnen Kleingartenvereinen von null bis zehn Prozent. Keines der Kleingartengebiete in Bremen erweckt heute den Eindruck eines Siedlungsgebietes.

Zu b) Das Interesse an Parzellen ist in verschiedenen Stadtteilen unterschiedlich. Einzelne Gebiete sind in Mitleidenschaft gezogen, andere führen Wartelisten, weil Gärten dort sehr beliebt sind. Insgesamt kann man sagen, dass in Bremen die Kriterien, die für die Aberkennung des Status‘ „Kleingartengebiet“ ausschlaggebend sind, nicht erfüllt werden.
Quelle: Bundesverband deutscher Gartenfreunde e.V., Schriftenreihe 188, Fragen aus der Vereinstätigkeit, 2006, S. 17, Mainczyk, Lorenz, Bundeskleingartengesetz und BGH-Urteil vom 22.4.2004 – III Z/163/03

Wer legt eigentlich die Höhe der Gartenhecke fest?

Seit vielen Jahren hat sich in Bremen das schöne Konzept der öffentlich zugänglichen Kleingartenparks bewährt. Dazu gehört, dass Spaziergänger den Blick über Gartenbegrenzungen hinweg schweifen lassen und die Vielfalt der Gärten genießen können. In vielen Kleingartenanlagen kann man erleben, dass das auch bei einer Höhe der Hecke von 1,40 Meter sehr gut funktioniert. Die Höhe der Gartenhecke in Kleingartenanlagen ist in der BRD übrigens nicht in einem Bundesgesetz geregelt, sondern vielmehr Sache der Landesverbände der Gartenfreunde. Der Landesverband der Gartenfreunde Bremen e.V. hat es also in der Hand, das Heckenmaß zu liberalisieren – so wie es verschiedene andere Landesverbände bereits getan haben.

Latente Bedrohung von anderer Seite

Tatsächlich gibt es für die vielfältigen, integrativen, ökologisch und sozial so wertvollen Parzellengebiete stets eine latente Bedrohung. Sie liegt in den wiederkehrenden Begehrlichkeiten von Immobilienbranche und Bauwirtschaft an potentiellen Flächen und stellt aus meiner Sicht eine weit größere Bedrohung als die Nutzung einer Parzelle mit Kaisenhaus als Laube dar.
Ist es nicht sinnvoller, Gärten mit intakten Kaisenhäusern zu verpachten, statt sie verwildern zu lassen und dadurch immer neue Lost Places zu produzieren? Ein genutzter Garten wirkt nachhaltig positiv auf die Belebung von Kleingartengebieten. Das zeigen bereits mehrere erfolgreiche Kaisenhausgärten.

Erfolgreiche Kaisenhausgärten

Es gibt übrigens bereits erfolgreiche Beispiele für Kaisenhausgärten in privater Hand (Walle/Hastedt/Woltmershausen), als Gemeinschaftsgärten (z.B. Walle/Findorf) und in der Trägerschaft gemeinnütziger Initiativen. Zu nennen sind der Lerngarten der Kinderschule Hohwisch (Weserlust/Hastedt seit 2009), das Kaisenhausmuseum (Walle seit 2011) und ein integratives Beschäftigungsprojekt (Harmonie/Schwachhausen seit 2003). Sie haben vorbildhaften Charakter.
Es ist nun an Landesverband und Vereinen, diese Chance zu ergreifen, um gemeinsam und mit Verwaltung und Politik konstruktiv und pragmatisch Lösungen für offene Fragen zu erarbeiten.

Kaisenhäuser Samstag im NDR [TV-Tipp]

Dreh NDR Nordtour 2015

Das Team rund um Ruth Hunfeld bei den Dreharbeiten zum Beitrag „Kaisenhäuser“ für die NDR-Nordtour. Rudolf Niemeier und Ute Berg in ihrem Kaisenhausgarten mit Alice Abed el Sayed/Ton und Markus Krüger/Kamera.

Ruth Hunfeld greift mit ihrem engagierten Team, Markus Kürger/Kamera und Alice Abed el Sayed/Ton, die Geschichte der kleinen Wohnhäuser in den Parzellengebieten der Stadt und der Menschen, die hier bauten und leben, für die NDR-Nordtour auf. In ihrem Filmbeitrag zeigt sie das Kaisenhaus-Museum in der Waller Feldmark, spricht mit Zeitzeugen mehrerer Generationen und befragt die Historikerin Kirsten Tiedemann. Außerdem gibt sie Eindrücke dieser besonderen Gartenwohnkultur, die noch heute existiert. Die Sendung Nordtour läuft auf N3 am Samstag, den 30. Mai ab 18.00 Uhr.