Was sind Kaisenhäuser?

Kaisenhaeuser+GartenHufeisenweg

Beispiel für ein Kaisenhaus in Bremen.                                           Foto: Kirsten Tiedemann

Um welche Art von Häusern handelt es sich, wenn von Kaisenhäusern gesprochen wird? Wo sind sie zu finden, was ist das Besondere an ihnen und vor allem: Warum werden sie Kaisenhäuser genannt?

Kaisenhäuser ist die umgangssprachliche Bezeichnung für Wohnhäuser auf den Parzellen in allen Kleingartengebieten der Hansestadt Bremen. Die Häuser wurden während der massiven Wohnungskrise zwischen 1944 und etwa 1965 von privater Hand errichtet, sukzessive erweitert und modernisiert, obwohl das Wohnen auf der Parzelle, wie die Kleingärten hier genannt werden, verboten war und ist. Man kann sicher davon ausgehen, dass mehr als 12.000 Gebäude entstanden, die von circa 80.000 Menschen bewohnt wurden. Heute gibt es noch etwa 1000 dieser Gebäude.

Anfangs waren die dürftigen Unterkünfte in der unmittelbaren Kriegs- und Nachkriegszeit von ihren Bewohnerinnen und Bewohnern als Notbehelf zur Überwindung der Obdachlosigkeit gedacht, doch aufgrund der lang anhaltenden, massiven Wohnungskrise verselbständigte sich das Wohnen auf der Parzelle zur dauerhaften Gartenwohnkultur mit bescheidenem Wohlstand. Die Wohnungskrise war bedingt durch die großflächige Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg und den erheblichen Wachstum der Bevölkerung seit der Nachkriegszeit bis 1970. In Eigenregie der Bewohnerinnen und Bewohner entstanden eigene Quartiere in den Kleingartengebieten der verschiedenen Stadtteilen mit Geschäften, Kneipen und sogar einer Kirche in der Waller Feldmark. Durch diese Stadtentwicklung von unten wurde die Stadtverwaltung hinsichtlich ihrer großen Probleme bei der Unterbringung ihrer Einwohner massiv entlastet.

Kennzeichnend für Kaisenhäuser ist eine Do-it-yourself Architektur mit diversen Anbauten unter Verwendung unterschiedlicher auch recycelter Baumaterialien. Es handelt sich um Gebäude mit ganz unterschiedlichen Grundrissen und Dachformen, meist ohne Keller sowie mit maximal einem Obergeschoss.

Der Name Kaisenhäuser bezieht sich auf Bürgermeister Wilhelm Kaisen (Regierungszeit 1945-1965). Im Rahmen von Sanierungsplänen für die Kleingartengebiete der Stadt, deren Ziel es war die Gebiet wieder zu reinen Freizeitgebieten zu machen, versprach der Bürgermeister der Aufbaugeneration 1955 ein lebenslanges Wohnrecht . Das Wohnen auf der Parzelle blieb dennoch umstritten. Trotz der mit dem Versprechen verbundenen Duldung ihrer Wohngebäude, erfuhren die Parzellenbewohner immer wieder Druck von Seiten der städtischen Verwaltung. Aufgrund des Versprechens von Wilhelm Kaisen nannten die Parzellenbewohner ihre Häuser nun Kaisenhäuser, auch um im Kampf um die Verbesserung ihrer Lebensqualität, beispielsweise durch Hauswasseranschlüsse, und für die Legalisierung ihrer Häuser an den bedeutsamen Fürsprecher zu erinnern.

Das von Bausenatoren und Baubehörde immer wieder infrage gestellte Versprechen wurde 1974 von Bürgermeister Hans Koschnik und Bausenator Stefan Seifriz schriftlich fixiert (Dienstanweisung Nr. 268). Im Jahr 2002 wurden erneut Rahmenvereinbarungen für die Sanierung der Kleingartengebiete getroffen und ein erweitertes „Auswohnrecht“ festgelegt: Nun dürfen alle vor 1974 zugezogenen Bewohnerinnen und Bewohner einer Parzelle bis an ihr Lebensende bewiehungsweise bis sie sich abmelden auf ihrer Parzelle wohnen.

Eine umfangreiche Darstellung der Entwicklung von der Notunterkunft auf der Parzelle zur dauerhaften Gartenwohnkultur in den Kleingartengebieten Bremens und der stetig wieder aufflammenden Konflikte zwischen Bewohnern und städtischer Verwaltung finden Sie in meinem Buch „Mehr als ein Dach über dem Kopf – Bremens Kaisenhäuser“, das beim Weser-Kurier und im Handel erhältlich ist.

  • ISBN-10: 3938795395
  • ISBN-13: 978-3938795392

Mario Puzio („Der Pate“) in Bremen der Nachkriegszeit

„Nie wieder schrieb Puzo so ermüdend wie in Bremen“, heißt es  in einem TV-Beitrag von buten und binnen aus diesem Sommer. Wer vom Erstlingswerk des Erfolgsautors Mario Puzo („Der Pate“) Nervenkitzel erwartet wird ebenso enttäuscht, wie derjenige, der Bremer Lokalkolorit sucht, weil der Roman im Bremen der Nachkriegszeit angesiedelt ist.

Verhaltensweisen der frühen Nachkriegszeit werden in dem Roman so ekelig wie sie waren dargestellt und noch nicht beschönigt, stellt die Literaturexpertin Lore Kleinert fest: Puzo beschreibe einen GI, der seine Seele als Kind einer von Kriegsgewalt geprägten Generation verloren hat – eine Reaktion auf den langen Krieg mit all seinen gräßlichen Erlebnissen. Langwierige Beschreibungen mögen für den Leser, der einen rasanten Krimi erwartet, anstrengend sein – die dargestellten moralischen und seelischen Verwerfungen, die das Erleben nackter Gewalt in Krieg und Nachkriegszeit in Menschen hervorrufen können, machen das Buch für mich dennoch lesenswert.

Darüber hinaus ist die Perspektive eines Besatzungssoldaten auf das Feindesland und seine Bevölkerung interessant. Diese Schilderungen basieren wahrscheinlich auch auf Mario Puzos eigene Erfahrung als amerikanischer GI, der in Bremen stationiert war. Die Hauptfigur Walter Mosca begegnet neben anderen GIs mehreren Displaced Person, Überlebenden aus Konzentrationslagern, früheren politischen Häftlingen und Kommunisten und den „Germanen“, Männern, Frauen und Kindern – ob hier ein Übersetzungsfehler vorliegt oder bewußt die Bezeichnung Germanen gewählt wurde, bleibt unklar. Der Beginn des kalten Krieges und des Antikommunismus der USA mit seiner McCarthy-Ära, beide deuten sich im Roman an. Wichtige Ereignisse, wie die Nürnberger Prozesse und der von britischen Besatzern vereitelte Versuch jüdischer DPs illegal nach Palästina zu gelangen, sind aufgenommen.

Mario Puzo, Die dunkle Arena, amerikanische Erstausgabe 1953,1955.                        Auf deutsch erschien das Buch erstmals 1976 im Molden-Taschenbuch-Verlag, wurde wiederholt in verschiedenen Verlagen aufgelegt und ist vergriffen. Aktuell kann es antiquarisch via ZVAB erworben werden.

P.S.: Tatsächlich findet sich sogar ein Verweis auf das Wohnen auf der Parzelle in der (Molden Taschenbuch-Verlag Wien-München 1976, S. 142): „Auf der gegenüberliegenden Straßenseite und ein Stück weiter sah er die Gärten mit ihrem frischen sprießenden Grün, die ebenen Beete und die braungesprenkelten Hütten, in welchen die Gärtner ihr Werkzeug aufbewahrten und zum Teil auch darin wohnten.“

Letters to Hazel

Letters to Hazel. From Douglas Clifford 1943-1947 (2005)

Auf diesen Briefwechsel eines nördlich von Bremen, genauer gesagt in Kuhstedt, stationierten britischen Militärangehörigen und seiner in Großbritannien lebenden Frau machte mich ein Zeitzeuge aufmerksam. Nach flüchtiger Durchsicht des Buches wurde ich neugierig, denn in den authentischen Eindrücke spiegelt sich das ländliche Nach-Kriegsleben in der britischen Besatzungszone. Douglas Clifford, der später Professor für schottische Literatur gewesen sein soll, schildert darin Begegnungen mit einheimischen Bauern und Künstlern, fertigt Skizzen der Landschaft rund um Kuhstedt im Teufelsmoor und gibt auch seine Eindrücke vom Arbeits- und Kriegsgefangenenlager Sandbostel wieder. Die Briefe umfassen den Zeitraum von 1943 bis 1947.

Sehr gespannt erwarte ich den Erhalt des inzwischen vergriffenen Buches aus einem us-amerikanischen Antiquariat.