Die LINKE (Teil 1) – Pläne der Parteien für Bremens Kleingartengebiete [abgeordnetenwatch.de]

Claudia Bernhard / Die LINKE, die sich bereits seit dem unrechtmäßigem Abriss des Kaisenhauses von Harry Geiger in Woltmershausen intensiv mit der Thematik befasst, antwortet am 14.4.2019 auf die Frage von Norbert Wicha auf www.abgeordnetenwatch.de:

„Sehr geehrter Herr Wicha,

das sehe ich genauso. Als Linksfraktion haben wir bereits im Juli 2014 den Antrag „Kaisenhäuser-Konzept an neue Rechtslage anpassen“ gestellt (https://www.bremische-buergerschaft.de/drs_abo/2014-07-10_Drs-18-593%20S…). Die Begründung des Antrags ist unverändert richtig:

„Mit dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 11. Juli 2013 ist die bisherige Auffassung des Senats, eine Wohnnutzung in Kleingartengebieten könne in keiner Weise rechtlich zulässig sein, obsolet geworden. Noch in der Antwort auf die Große Anfrage der LINKEN „Wohnen in Kleingartengebieten (‚Kaisen-Häuser‘) rechtlich absichern“ hatte der Senat ausgeführt, weder Duldungen, noch Ausnahmeregelungen, noch Einzelfestsetzungen könnten rechtlich Bestand haben. Nach der Entscheidung des BVerwG (4 CN 7.12 vom 11. Juli 2013) ist dies falsch. Damit ist der Weg frei, endlich die Lähmung bei der Überarbeitung des Konzepts zu überwinden und die Politik zu beenden, deren gestalterisches Ziel sich letztendlich in der vollständigen Beseitigung aller Wohnnutzungen in Kleingartengebieten erschöpfte. Wohnen in Kaisenhäusern, eine ungewöhnliche, aber in Bremen historisch verwurzelte Wohntradition und Lebensform, kann und soll in Bremen auch eine Zukunft haben. Zur rechtlichen Absicherung sowohl der BewohnerInnen, als auch der Verteidigung der Kleingartengebiete gegen eine schleichende Umwandlung in generelle Wohngebiete, steht eine breite Palette von Instrumenten zur Verfügung. Sie können jetzt genutzt werden.“
Der Antrag ist von SPD, Grünen und CDU abgelehnt worden (die FDP war damals nicht in der Bürgerschaft vertreten).

Dieser Schwebezustand hat die gesamte Legislaturperiode 2015-2019 angedauert, auch Nachfragen in der Deputation brachten keine Ergebnisse. Es wurden keine bewohnten Häuser mehr abgerissen, aber es wurde auch nichts dafür getan, das Einzelfall-Wohnen in Kaisenhäusern zuzulassen. Auch das Anliegen mehrerer Vereine, Wochenendgebiete zuzulassen, wurde nicht umgesetzt.

Ich bin mit ihnen der Meinung, dass nach der Wahl endlich eine zukunftsfähige Politik für die Kaisenhäuser betrieben werden muss. Mit Einzelfestsetzungen, die rechtssicher Wohnen zulassen, mit Umwandlungen in Wochenendgebieten, wenn die Vereine dies wünschen, und mit einer grundsätzlich veränderten Kommunikation, die den Fortbestand der Kaisenhäuser und des Wohnens in Kaisenhäusern als Chance für die Kleingartengebiete begreift. Ich kann Ihnen sagen, dass wir uns dafür einsetzen, allerdings hängt das auch an den kommenden Machtverhältnissen bzw. den dafür nötigen Bündnispartnern.

Mit freundlichen Grüßen,
Claudia Bernhard“

 

Streit über Bebauung von Kleingärten in Walle entschärft?

Ist der Streit um brach liegende Kleingärten in der Waller Feldmark, die der SPD zufolge zu Bauland für Einfamilienhäuser werden sollen, tatsächlich entschärft? Der Landesverband der Gartenfreunde Bremen e.V. wurde inzwischen durch BjörnTschöpe und Jürgen Pohlmann, beide MdBB SPD, über den Vorstoß ihrer Fraktion, verwaiste Parzellen in der Feldmark als Bauland für Einfamilienhäuser auszuweisen, informiert und hat seine ablehnende Haltung geändert. Der Landesverband der Gartenfreunde Bremen e.V. reagiert nun positiv auf den Vorschlag. So liest man im Weser-Kurier hier. Welche wichtigen Argumente waren für den Wandel der Einstellung ausschlaggebend? Welche gehaltvollen Versprechen sind dem Verband gemacht worden, dass seine ablehnende Haltung innerhalb kurzer Zeit in Zustimmung umgeschlagen ist? Dazu finden wir keine Informationen in der Zeitung. Was sagen die Vorstände der örtlichen Kleingartenvereine zum Wandel der Meinung ihrer Interessenvertretung? Haben die lokalen Vorstände ihre Position ebenfalls geändert?

SPD und CDU befürworten die Idee einer Bebauung. Soll hier eine Schnittmenge für eine potentielle große Koalition in Bremen ausgelotet werden? Wie stehen die Grünen zur Idee solch einer Wohnbebauung? Was meinen die PolitikerInnen von DIE LINKE? [Nachtrag: Nur CDU unterstützt SPD-Vorstoß im Weser-Kurier] Ist der Beirat in Walle, der sich erfolgreich für den wohnortnahen Naherholungspark Bremer Westen für Walle und Gröpelingen engagiert hat, über diesen Vorstoß informiert?

Kaum einer weiß, dass die Waller Feldmark mit dem neuen Flächennutzungsplan vom 4.12.2014 nicht mehr als Dauerkleingartengebiet, sondern als „Gestaltungsraum Kleingärten, Freizeit und Natur Bremer Westen“ ausgewiesen worden ist. Das heißt: a) der besondere Schutz für Dauerkleingartengebiete durch das Bundeskleingartengesetz entfällt für dieses Gebiet, b) der Landesverband der Gartenfreunde Bremen e.V. hat nur bedingtes Mitsprache- bzw. Einspruchrecht und c) es bedarf einer politischen Mehrheit, um die rechtliche Voraussetzung für die Umwidmung in Bauland zu schaffen.

Fragen – Fragen – Fragen

Ich frage mich, wie die Stadt Bremen die Erschließung mit Straßen, Kanal, Trinkwasser, Strom usw. für ein paar Einfamilienhäuser finanzieren will? Was tun mit/gegen den hohen Grundwasserspiegel? Braucht die Stadt die Flächen nicht mehr als Ausgleichsflächen für anderweitige Baumaßnahmen, die in der Waller Feldmark angelegt werden sollten?

Angesichts dieses Vorstoßes sollte man unbedingt fragen, ob sich die letzten existierenden intakten Kaisenhäuser nun als Wohnhäuser dauerhaft legalisieren lassen!

Ist die Initiative anzusehen als Beitrag zum beginnenden Wahlkampfs für die anstehende Bundestagswahl? Soll das Sommerloch der Ferienzeit gefüllt werden? Will die SPD vorfühlen, wie die Waller Bevölkerung und (organisierte/unabhängige) Gartenfreunde auf einen derartigen Vorstoß reagieren?

Lest die Zeitungsartikel selbst, die im Folgenden verlinkt sind, und gebt eure Einschätzungen und Fragen im Weser-Kurier oder gerne auch hier auf meinem Blog als Kommentare ab.

„Streit über Kleingärten entschärft“ von Jürgen Theiner im Weser-Kurier 23.6.2017 mit zahlreichen kritischen Leser-Kommentaren zum Thema

Kleingärtner halten nichts von SPD-Vorstoß“ von Kristin Hermann im Weser-Kurier 28.5.2017

Nur CDU unterstützt SPD-Vorstoß“ von Jürgen Theiner im Weser-Kurier am 17.5.2017

Außerdem:

„Können brachliegende Kleingärten bebaut werden?“ Kleine Anfrage der CDU an die Bremische Bürgerschaft vom 13.6.2017

Wie wird die Pflege von Rahmengrünflächen in den Kleingartengebieten künftig geregelt? Kleine Anfrage der FDB-Fraktion an die Bremische Bürgerschaft vom 23.6.2017 (Nachtrag)

Und ein paar Infos:

„Keine Rechtsgrundlage für die Bebauung“ ist ein Beitrag von mir mit Informationen zu den verabschiedeten städtischen Plänen für die Waller Feldmark als Naherholungsgebiet und zum gültigen Flächennutzungsplan. Er befindet sich auf Findorff aktuell seit Anfang Juni 2017.

 

Foto: Kirsten Tiedemann

 

‚Wind zog auf‘ – Schau von Gabriela Oberkofler im Haus Coburg Delmenhorst

Es ist die Natur, die Gabriela Oberkofler Stoff für ihre künstlerische Arbeit liefert, so heißt es im Flyer zu Schau Wind zog auf. Angekündigte sind Zeichnungen „verlockender wie verstörender Naturstücke“ sowie Objekte, Videos und Soundarbeiten. Anlass genug, die Ausstellung in der Städtischen Galerie Delmenhorst – Haus Coburg zu besuchen und hier davon zu berichten. Mich zieht auch das temporäre Atelier der Künstlerin mit Bienen-Installation in einem Schrebergarten in der Graft und die Mitmachausstellung für Kinder im „Gewächshaus“ an.

Flyer mit Programm zur Schau von Gabriela-Oberkofler

HausCoburg_Oberkofler_Plakat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stetes Summen empfängt die Besucher*innen, sobald sie die Städtische Galerie Delmenhorst durch den Windfang betreten. Das dezente und gleichzeitig kräftige Summen gehört definitiv nicht zu einer Maschine, sondern klingt als stamme es von Insekten, und zwar von sehr, sehr vielen Insekten. Woher rührt das an- und abschwellende Summen, das einem in die Natur vertraut erscheinen würde und hier im Inneren des Hauses irritierend wirkt? Steht ein Fenster offen? Im Frühjahr höre ich manchmal ähnliche Töne, wenn ich unter einem großen, voll erbühten Obstbaum stehe – dann sind sie Warnung und ein Versprechen auf köstliche Früchte und süßen Honig. Das Geräusch erinnert mich aber auch ein wenig an einen ausgebüxten Bienenschwarm, der sich einmal nahe meiner Wohnung am Schornstein gesammelt hatte, vielleicht 10 Meter Luftlinie entfernt vom Balkon. Das Summen der abertausend fliegenden Lebewesen, die sich ständig in einer Traube mit wandelnder Form umeinander bewegten, hatte bedrohlich gewirkt.

Ausgewählte Eindrücke der vielfältigen Schau der italienisch-deutschen Künstlerin Gabriela Oberkofler (*1975 in Bozen) geben ich gern. Im Eingangsbereich hängt eine Serie von Miniaturzeichnungen einzelner Bienen, die an das Summen im Haus anknüpfen. Der rote Punkt neben den Titeln signalisiert, dass sie bereits verkauft sind. Der auf dem Plakat gezeigte Wolf ist eine lebensgroße Zeichnung des Tieres. Er scheint in sich zu ruhen und ist mit dem Betrachter auf Augenhöhe. Der Wolf scheint direkt auf den Betrachter zu zulaufen. Dieses Bild hat eine außerordentlich starke Wirkung auf mich. Eine Videoinstallation namens „Don Juan“, deren Hauptakteur ein humpelnder Hund ist, steht im krassen Gegensatz zum Wolfsmotiv. Von der Decke hängt mit dem Kopf nach unten ein detailreich, sorgfältig geschnitztes Rotkehlchen in Lebensgröße. Es ist an einem Fuß aufgehängt und erinnert mich an eine grausame Praxis früherer Jahrzehnte zur Abschreckung von Vögeln aus Obstbäumen. Vogelgezwitscher und das Gurren einer Taube ziehen meine Aufmerksamkeit zu einer Videoinstallation, die damit beginnt, dass die Künstlerin eine gefangene Taube in einen selbst gefertigten Vogelbauer setzt, um sie in die freie Natur zu bringen. Die Geschichte nimmt einen ganz anderen als den erwarteten Verlauf – und soll hier nicht vorweg genommen werden. Ausgestellt sind mehrere architektonische Variationen des im Video gezeigten Vogelbauers, die alle sorgfältig aus Kirschholzästchen gefertigt sind. Ein großes Bild, das auch den Ausstellungsflyer ziert, kann überbordende, wallende Blütensträucher darstellen, ähnlich des Goldregens. Auf dem Bild sind es gelbe und rote Blüten. Bei näherer Betrachtung stellt sich überraschenderweise heraus, dass es (aber)tausende von kleinen, gezeichneten Bienen sind aus denen das Motiv wesentlich besteht. Über welch eine Geduld die Künstlerin neben ihrem Können verfügen muss, um dieses Bild zu schaffen! ‚Emsig wie eine Biene‘ kommt mir als Beschreibung in den Sinn. Reizvoll finde ich übrigens, dass Gabriela Oberkofler extra für die Ausstellung verschiedene Bezüge zur Stadt Delmenhorst erarbeitet hat. Die Städtische Galerie ist für die vielseitige Künstlerin nicht nur ein leerer Raum, in dem sie ihre Exponate arrangiert, sie bespielt die vorhandenen Räume vielmehr, diese werden teilweise zum Bestandteil der Schau. Einige Aspekte auch der örtlichen Natur werden von Gabriela Oberkofler transformiert und punktuell nach innen geholt. Der Wasserstand der Graft wurde in einem Raum auf die Wände „aufgetragen“, Totholz von der Graftinsel findet sich als Installation im Wintergarten und das Summen vieler Bienen, das in allen Räumen zu hören ist, stammt aus der Natur. Besonders dieses Summen (und das Vogelgezwitscher der Videoinstallation) scheint  die Grenze zwischen Innen und Außen verschwimmen zu lassen.

Gabriele Oberkofler formt in ihrem vielseitigen Werk Eindrücke, die jenseits einer verklärenden Naturidylle liegen. Die genau beobachtende, vielfältig talentierte Künstlerin greift vielmehr fragile und zarte Seiten von Natur auf, deutet eine (mögliche) Bedrohung durch Natur an, stellt den Aspekt zur domestizierten Natur her und verweist auf das Nährende durch sie. Gezeigt werden die in der Ankündigung treffend versprochenen verlockenden wie verstörenden Naturstücke in der sehenswerten Schau.

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Mein Ausflug führt mich nun ins „Gewächshaus„, direkt neben der Städtischen Galerie, in dem begleitend zur Schau individuelle Werke von Kinder entstehen und ausgestellt werden. Das „Gewächshaus“ erhält hier nochmal eine neue Bedeutung, hier wird das Wachsen der Kreativität heranwachsender Kinder gefördert. Wer Oberkoflers Schau besucht, sollte sich unbedingt Zeit für die sehenswerten Bilder nehmen.

Im Garten des Hauses Coburg läßt sich hinter einem von Kindern angelegten Blumengebiet (!) die auf dem Foto gezeigte Bieneninstallation, die Gabriela Oberkofler mit zwei echten Bienenvölkern des Imkers Uwe Roselieb kreiert hat, betrachten.Stechgefahr

Jetzt zieht es mich noch zur Delmenhorster Graft, eine überraschend schöne Parklandschaft in der Delmenhorster Innenstadt mit hochgewachsenen alten Bäumen und blühenden Rhododendren rund um die Graftinsel, wo sich in einem der letzten, versteckt liegenden Schrebergärten das „Schwalbennest“, das mobile Atelier der Künstlerin befinden soll. Auf der Graftinsel liegen mehrere Haufen sorgfältig geschichteter toter Äste. War dabei die Hand der Künstlerin im Spiel oder hat sie sich hier für ihre Installation im Wintergarten Material und Inspiration geholt? Graftanlage

Rhodo_Graft_bearbInmitten alter Bäume und hinter einer hohen, frisch belaubten Hainbuchenhecke entdecke ich schließlich den verwunschenen Garten (Öffnung nach Vereinbarung) und bin einigermaßen verblüfft. Es ist ein wenig so als stünden im Bürgerpark Kleingarten-Parzellen. Hinter der Hecke schimmert das „Schwalbennest“ durch und Oberkoflers summende Bienen-Installation „Roseliebsche Beute“. Der Spaziergang durch diese großzügige Parklandschaft ist ein gelungener Abschluss des lohnenswerten Ausstellungsbesuchs. Die Schau läuft noch bis zum 5. Juni 2015.Graft_bearb

 

edit: 22.4. 15.00 Uhr

„Achtung Anarchie“ von Ulrich Ladurner bei ZEIT online

 Heute entdeckte ich diesen überwiegend lesenswerten Artikel, in dem Ulrich Ladurner einen Teil der Widersprüchlichkeiten und Brüche bezogen auf Kleingärtner, die darüber herrschenden Vorurteile und unterschiedliche Gartenrealitäten unterhaltsam aufgreift. Manchmal bizarr. Aber Anarchie? Er erschien auf ZEIT online und ich empfehle ihn mal. Der Inhalt ließe sich z.B. um die Gruppe der Öko-Gärtner u.a.m. erweitern. In den Kommentaren zum Artikel befinden sich übrigens lesenswerte Ergänzungen.

Schrebergarten: Achtung, Anarchie!

Unter diesen Dächern lebt man wild und frei. Der Schrebergärtner Ulrich Ladurner räumt auf mit der Vorstellung vom harmlosen Idyll.

Der Schieber [Kleingarten im Krimi]

Der Winter bietet für mich mehr Lesezeit und das nehme ich zum Anlass, um meine lose Reihe „Kleingarten in der Literatur“, die ich mit einem Theaterstück von Dario Fo im Sommer begonnen habe, fortzusetzen.

Welche Szenen sind es, die in Romanen oder Krimis, die in unterschiedlichen Jahrzehnten verfasst wurden und von den Autor*innen in verschiedene gesellschaftliche und historische Zusammenhänge gestellt worden sind, in Kleingärten spielen? Welche Perspektive erhalten wir durch sie auf das Gärtnern und den urbanen Kleingarten? Welche Bedeutung kommt ihm zu? Ist es banal und nebensächlich? Ist es ein Idyll? Überraschend ist es allemal, dass ein Kleingarten überhaupt in Prosawerken auftaucht. Einige Bücher/Szenen habe ich für euch noch in petto. Kennt ihr auch welche?

Der Historiker Cay Rademacher hat einige interessante historische Krimis vorgelegt, die in der Nachkriegszeit in Hamburg angesiedelt sind und den Nebeneffekt haben, dass sie den kargen Alltag und die Überlebensstrategien in einer in weiten Teilen zerstörten Großstadt unmittelbar nach dem Ende des Nationalsozialismus anschaulich vermitteln.

Der Schieber“ ist der zweiten Krimi der Reihe um Oberinspektor Stave, dessen Handlung 1947 spielt. Für Staves erwachsenen Sohn wird ein Kleingarten mit Laube zur willkommenen Notunterkunft*.

 „In einen Schrebergarten, nach Berne. Kleine Hütte. Wasser aus dem Fass Plumpsklo, aber ein Ofen. Nicht, dass ich den in den nächsten Monaten brauchen dürfte.“

„Ein Schrebergarten?“, entfährt es Stave. Früher hat er sich um derartige Parzellen nie gekümmert. Seit 1945 sind Schrebergärtner kleine Könige, die auf ihren eifersüchtig gehüteten Territorien Kartoffeln, Salate und Tabak ziehen. Wer einen hat, kann sich mit den Erträgen einer guten Saison ein kleines Vermögen auf dem Schwarzmarkt ertauschen. „Wer läßt dich freiwillig in seinem Schrebergarten wohnen?“

„Ein Kriegskamerad. War auch in Workuta und ist ein paar Wochen vor mir zurückgekehrt. Seine Eltern hatten einen Schrebergarten. Sie sind 1943 gestorben. Den Garten hatten irgendwelche Leute in Beschlag genommen.“

„Irgendwelche Leute?“

Karl zuckte mit den Achseln. „Irgendwer hat sich selbst dort einquartiert. Mein Freund hat sie hinausgeworfen.“ Seite 208

Zu erwähnen ist, dass für eine guten Ernte mehrere Voraussetzungen erfüllt werden müssen: Ausreichend Saatgut und Dünger, gute Witterungsbedingungen und gärtnerisches Know-how.

Rademacher deutet den enormen Bedeutungsgewinn an, den Kleingärten in Krisenzeiten, wie beispielsweise Kriegs- und Nachkriegszeit in Deutschland vor 70 Jahren, in verschiedener Hinsicht erhalten können.

Cay Rademacher, Der Schieber, Dumont Köln 2012, 352 Seiten, Euro 16,99, ISBN 978-3-8321-6254-2

* Dies soll kein versteckter Hinweis darauf sein, in der aktuellen Diskussion Kleingärten und Lauben als Notunterkunft zu berücksichtigen.

Bewohntes Kaisenhaus mit Nutzgarten

Kaisenhaus_Nutzgarten

Nach wie vor werden in diesem Kaisenhausgarten Gemüse angebaut und bunte Blumen gezogen und gepflegt. Buchsbaumhecken flankieren die Wege. Regenwasser wird zum Gießen gesammelt. Die regulären Kaisenauswohner leben seit über 60 Jahren sehr gerne in ihrem kleinen Haus, wo sie nun ihren Lebensabend verbringen. Haus und Garten stellen dabei je nach Jahreszeit ihre Ansprüche an die Bewohner.

Kürzlich fragte mich eine Frau auf meinem Rundgang in der Waller Feldmark, warum jemand im Alter nicht „in die Stadt“ ziehen und so „allein“ im Parzellengebiet leben würde. Ich frage zurück: Warum soll jemand sein Eigenheim mit Garten und das vertraute Umfeld, in dem er oder sie seit vielen Jahrzehnten gerne lebt, aufgeben, um in eine Wohnung in ein Mehrparteienhaus zu ziehen? Hier fordert der Garten Aufmerksamkeit und Arbeit ein und gibt auch etwas zurück, wie blühende Blumen und frisches Gemüse. Das Haus hält bestimmte Aufgaben bereit. Über die Nachbarschaften, die Wassergemeinschaften und den Kleingärtnerverein bestehen vielfältige, oftmals über Jahrzehnte gewachsene soziale Kontakte. Es wird gesagt, dass diese Faktoren positiv auf Gesundheit und Wohlbefinden im Alter wirken. Schließlich ist es eine persönliche Entscheidung, ob jemand seine vertraute Umgebung verlassen will und ein anderes Wohnen in hohem Lebensalter nötig werden sollte, die evt. gemeinsam mit Kindern, Verwandten oder Freunden getroffen wird, und an Kritieren wie der gesundheitlichen Situation und dem persönlichen Wohlbefinden orientiert ist – wie überall.

Foto: Kirsten Tiedemann