Kaisenhäuser Samstag im NDR [TV-Tipp]

Dreh NDR Nordtour 2015

Das Team rund um Ruth Hunfeld bei den Dreharbeiten zum Beitrag „Kaisenhäuser“ für die NDR-Nordtour. Rudolf Niemeier und Ute Berg in ihrem Kaisenhausgarten mit Alice Abed el Sayed/Ton und Markus Krüger/Kamera.

Ruth Hunfeld greift mit ihrem engagierten Team, Markus Kürger/Kamera und Alice Abed el Sayed/Ton, die Geschichte der kleinen Wohnhäuser in den Parzellengebieten der Stadt und der Menschen, die hier bauten und leben, für die NDR-Nordtour auf. In ihrem Filmbeitrag zeigt sie das Kaisenhaus-Museum in der Waller Feldmark, spricht mit Zeitzeugen mehrerer Generationen und befragt die Historikerin Kirsten Tiedemann. Außerdem gibt sie Eindrücke dieser besonderen Gartenwohnkultur, die noch heute existiert. Die Sendung Nordtour läuft auf N3 am Samstag, den 30. Mai ab 18.00 Uhr.

Anerkennung der historischen Entwicklung als nachhaltige Lösung

Es ist an der Zeit im Umgang mit Kaisenhäusern, den Einfamilienhäusern auf den Parzellen, Bilanz zu ziehen und eine Kurskorrektur vorzunehmen: Seit Jahrzehnten wird für die Kleingartengebiete Bremens ein Zustand angestrebt, der ohne vereinzeltes Wohnen auf Parzellen auskommt, und den es möglicherweise einmal zu Beginn der Weimarer Republik gegeben haben mag – vergeblich.

Der eingeschlagene Kurs besteht darin, intakte Eigenheime abzureißen. Diese Zerstörung stößt bei vielen Menschen auf Unverständnis und führt nicht zur gewünschten Ordnung, sondern im Gegenteil zu einer außerordentlichen Verschlechterung der Gesamtsituation in mehreren Parzellengebieten der Stadt.

Stand: Heute existieren die letzten Kaisenhäuser als Einsprengsel zwischen den Parzellen in den Kleingartengebieten. Es sind 1000-1600. Damit ist ein Bestand von 1932 (!) wieder erreicht. Es handelt sich zumeist um intakte Wohngebäude, die vor 50 und mehr Jahren errichtet und seitdem mehrfach modernisiert worden sind. Diese werden von sogenannten Kaisen- und Kudellaauswohnern im Alter zwischen 45 und 98 Jahren berechtigterweise bewohnt. Dazu kommen Ehegatten der Kaisenhausbewohner und deren Kinder unter 18 Jahren. Diese leben in der scheußliche Situation, dass sie im Falle des Todes ihres wohnberechtigten Familienmitglieds umgehend aus dem Haus fortziehen müssen.

Seit 28.5.1974 liegt für alle Kaisenhäuser eine schriftliche Duldung vor, die am 9.7.2002 sogar noch einmal erweitert wurde. Die Hausbesitzer bzw. Bewohner haben ein lebenslanges Wohnrecht erhalten. In unmittelbare Folge der „Rahmenvereinbarungen zur Sanierung des Kleingartengebiets Waller Fleet“ 2002 stehen seit Jahren 215 Kaisenhäuser verlassen zum Abriss bereit. Viele der Gebäude sind zu Ruinen verfallen und wirken negativ auf einige, einmal sehr gerne genutzte grüne Naherholungsgebiete der Stadt. Die finanzielle Situation Bremens erlaubt es der zuständigen Behörde nicht, die Abrisse der Wohngebäude, die nach dem Ableben der Bewohner nicht mehr bewohnt werden dürfen, zeitnah einzuleiten, da die Kosten hierfür zwischen 10.000 und 20.000 Euro pro Gebäude liegen.

Der Vorschlag des Bausenators Joachim Lohse, Kaisenhäuser als Gartenhäuser zu erhalten, stellt einen ersten Ansatz in die richtige Richtung zur Kurskorrektur dar. Betrachtet man die Sache genauer, wird klar, dass eine gelingende Lösung darüber hinausgehen muss.

Eine nachhaltige Lösung liegt in der dauerhaften rechtlichen Anerkennung der verbliebenen intakten Kaisenhäuser in den Kleingartengebieten mittels ausnahmsweiser Festsetzung eines dauerhaften Bestandsschutzes für die Einfamillienhäuser. Daran gekoppelt werden sollte ein dauerhaftes Wohnrecht entsprechend der historisch gewachsenen Entwicklung. So wird Privatinitiative konstruktiv angeregt. Statt Wohneigentum mit öffentlichen Geldern zu zerstören, erhalten die Kleingartengebiete positive Impulse. Als attraktive Unikate und baukulturelle Besonderheiten befördern die Parzellenwohnhäuser auch das Gedeihen der Kleingartengebiete mit ihren Rückzugsmöglichkeiten aus dem Alltag, den kreativen Nischen und ihren Freiräumen. Die dringend benötigten grünen Naherholungsgebiete erhalten endlich wieder wohlwollende Aufmerksamkeit. Eine eindeutige win-win-Situation.

Solch eine Lösung werden die Kaisenhausbewohner außerordentlich zu schätzen wissen, denn sie stellt nicht nur ihr Eigentum und ihre Investitionen sicher, sondern würdigt auch ihren Einsatz und den ihrer Eltern für den Aufbau der Stadt in den äußerst schwierigen Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Damals war die Stadt über 25 lange Jahre nicht in der Lage, den 50.000 Menschen, die in 12.000 Wohnhäusern in den Kleingartengebieten lebten, eine Unterkunft zu geben. Vgl. „Häuser nicht bestrafen“.

Große Teile der Bremer Bevölkerung, die in einem Kaisenhaus aufgewachsen und inzwischen in alle gesellschaftlichen Schichten aufgestiegen sind, werden diese Lösung ebenso begrüßen, wie historisch interessierte Bremerinnen und Bremer.

Nicht zu verachten ist die Bedeutung dieser Lösung angesichts der Haushaltsnotlage des Landes Bremen. Schließlich kann bei jedem Kaisenhaus, das nicht abgerissen wird, je nach Größe zwischen 10.000 und 20.000 Euro gespart werden. Summa summarum liegt hier ein Einsparpotential von 15 Mio Euro Gesamtkosten verteilt über mehrere Jahre.

Nissenhütten

klein

In den Erzählungen mancher Großeltern und in einigen Romane, die in der Nachkriegszeit angesiedelt sind, werde Nissenhütten erwähnt. Kaum jemand weiß heute noch, was sich hinter diesem Begriff verbirgt. Es sind halbrunde und schnell zu errichtende Notunter-künfte aus Wellblechfertig-teilen, die nach ihrem Erfinder dem kanadische Ingenieur und Offizier Norman Peter Nissen benannt sind. Die Bezeichnung ist etwas unglücklich gewählt, da vielfach zuerst die als Nissen bezeichneten Läuseeier als Namensgeber assoziert werden, die wiederum für Armut und Schmutz stehen und die ohnehin gebeutelten Bewohner solcher meist peinlich in Ordnung gehaltener Notunterkünfte stigmatisieren.

Die Wellblechhütten werden seit dem Ersten Weltkrieg in vielen Krisengebieten der Welt genutzt. Auch heute noch bewohnen obdachlos gewordene Menschen solch simple Hütten meist als vorübergehende Lösung, denn sie bieten wenig Schutz vor Kälte oder Hitze. In Deutschland kamen diese Hütte besonders nach dem Zweiten Weltkrieg zum Einsatz. In Bremen gab es offiziellen Angaben zufolge nur fünf solcher Hütten. In Hamburg wurden hingegen eine Vielzahl dieser Nissenhütten inmitten der städtischen Trümmer errichtet, in denen geschätzte 14.000 Menschen lebten. Bis 1958 wurde darin gewohnt. Ein Bild dazu finden Sie hier. Auch im niedersächsischen Friedland, wo die britischen Alliierten 1945 eine Anlaufstelle für Displaced Person, Vertriebene, Kriegsflüchtlinge, entlassene Kriegsgefange und andere einrichteten, dienten die Wellblechbaracken als Unterkünfte, Foto siehe hier. In Neumünster/Schleswig-Holstein lebten bis zu 50 Menschen in einer Nissenhütten von 45 Quadratmeter, näheres dazu hier.

Das Bild oben zeigt eine bewohnte Nissenhütte auf einer Parzelle an der Wolfskuhle in Bremen Kattenturm im Jahr 1952. Es ist in meinem Buch „Mehr als ein Dach über dem Kopf – Bremens Kaisenhäuser“ abgedruckt mit freundlicher Genehmigung von Renate Neumann-Breeger.

Benannt sind diese „Blechbüchsen“ nach ihrem Erfinder, dem kanadische Ingenieur und Offizier Norman Peter Nissen. Er entwickelte diese Hütten mit halbrundem Dach und 40 m² Grundfläche, mit einer Länge von elfeinhalb Meter und etwa fünf Meter Breite. Sie diente der Armee im Erste Weltkrieg als möglichst billige, schnell zu errichtende mobile Unterkunft. Vier bis sechs Soldaten benötigten rund vier Stunden, um eine solche Hütte aufzubauen. Ausführlich dazu der Beitrag Nissenhütten (engl.  Nissen Hut) im online-Lexikon Wikipedia.