Fleetkirche bleibt und sucht neue Besitzer

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Die Fleetkirche schmiegt sich in die Landschaft, 4. Juno 2016

Offenbar gibt es ein deutliches Interesse am Erhalt der Fleetkirche in Bremen, denn in der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) seien „einige“ eMails in der Sache eingetroffen, wie mir im grade geführten Telefonat gesagt wurde.

Und: Es gibt eine außerordentlich erfreuliche Nachricht, die ich euch sofort weitergeben will. Die BEK habe selbst zwar keine Verwendung mehr für dieses besondere Bauwerk in der Waller Feldmark, man sei aber im Gespräch über den weiteren Verbleib der Fleetkirche. Wasser und Strom seien abgestellt, die Pächter in ihre neue Bleibe gezogen. Einer Umnutzung stehe nichts im Wege und ein Verkauf – auch an einen Verein – sei möglich!

Spitzt eure Bleistifte für ein Nutzungskonzept, kratzt die Taler zusammen und bringt neues Leben in das ungewöhnliche Gebäude!

Ich freue mich sehr und bin gespannt darauf, was hier Schönes passieren wird.

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Rückansicht am 4. Juno 2016

Fotos: Kirsten Tiedemann

Kaisenhaus heute und gestern

Haus heute

Ein intaktes, bewohntes Kaisenhaus von heute.  Foto: Kirsten Tiedemann

Schaufenster

So sah dieses Kaisenhaus um 1953 aus. Das heutige Wohnzimmer war der Verkaufsraum einer Drogerie, mit der die Familie für ihren Lebensunterhalt sorgte und Parzellenbewohner im Quartier mit Farben, Pinseln und Dingen des täglichen Bedarfs versorgte. Foto: privat

Kaisenhäuser sind gebaute Familiengeschichte. Darüber hinaus stehen sie für die engagierte Selbsthilfe in der Nachkriegszeit und für gemeinschaftliche Aktivitäten zur Verbesserung äußerst schwieriger Lebensbedingungen. Sie stehen auch für und durch den jahrzehntelangen Einsatz der Bewohner für die dauerhafte Anerkennung ihrer Häuser. Diese kleinen Wohnhäuser gehören zur Bremer Nachkriegsgeschichte. Bürgermeister Wilhelm Kaisen hegte große Sympathien für die Bewohner und setzte sich für sie ein.

In meinem Buch „Mehr als ein Dach über dem Kopf – Bremens Kaisenhäuser“ ist (fast) die ganze Geschichte dieser Häuser nachzulesen. Es wurde 2013 als „vorzügliche Dokumentation“ mit einem Preis für Heimatforschung der Wittheit zu Bremen ausgezeichnet.

Für 16,90 € gibt es 136 Seiten mit einer Fülle an Erinnerungen und Fakten, historischen Fotos, Plänen und Dokumenten. Es ist Band 16 der Schriftenreihe des Bremer Zentrums für Baukultur und im Handel, im Pressehaus in der Martinistraße Bremen und online beim Verlag Bremer Tageszeitungen erhältlich. ISBN 978-3-938795-39-2

Amerikaner vor Ort

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Wer Interesse an der unmittelbaren Nachkriegszeit in Bremen hat findet dazu grund-legende und umfangreiche Informationen in der historischen Dissertation von Anna-Maria Perdon „Amerikaner vor Ort“, die 2010 als Band 70 der Veröffentlichungen aus dem Staatsarchivs Bremen erschienen ist.

Bremen war von 1945 bis 1949 amerikanische Enklave, eine amerikanische Insel inmitten des von der britischen Armee besetzten Nordwestdeutschlands. Dass der Bremer Hafen nach dem Zweiten Weltkrieg das logistische Drehkreuz der Amerikaner in Europa war, machte Bremen zu einem Besatzungsstandort mit besonderem Stellenwert. Hier wurde die Wechselseitigkeit der Beziehungen zwischen Besatzern und Besetzten deutlicher als an anderen Orte, bilanziert die Autorin. Im Hafen profitierten Bremer bald von den Aufbau- leistungen der Amerikaner, die einerseits deren Eigeninteressen dienten und andererseits die guten Vorkriegsbeziehungen beider Völker wieder lebendig werden ließen. (S. 370 f)

Das erste Kapitel der chronologisch strukturierten Studie setzt bereits bei der amerika- nischen Planung der Besetzung ein, die seit Dezember 1944 mit der Bildung einer Task Force „United State Ports and Bases: Germany“ begann. Es handelt von den Wegen, auf denen die amerikanischen Militärs Bremen erreichten, von der Lage, in der die amerika-nische Militärmacht die Stadt und seine Bevölkerung vorfand, und reicht bis zur Etablierung der Besatzungsherrschaft und der Gründung des Bundeslandes Bremen.

Im zweiten Kapitel werden institutionelle und offzielle Kontakte thematisiert: Die schwierigen Bedingungen unter denen der Neuaufbau begonnen wurde, der Hafen als „Vorort von New York“, die Entnazifizierung einschließlich der Möglichkeiten die anfangs strengen Regelungen zu umgehen, das Fraternisierungsverbot und die kulturpolitischen Leistungen der Amerikaner, wie der Aufbau des Amerika-Hauses.

Der Alltagsgeschichte widmet sich die Autorin schließlich im letzten Kapitel. Sie untersucht hier drei zentrale Orte: Die Kneipe und Musikkultur als Rückzugsort, die Straße als öffentlicher Begegnungsraum von Besatzern und Besetzten war Ort für Konflikte zwischen beiden Akteursgruppen, der Kontakte von  GIs zu Bremerinnen, Tummelplatz für Kinder, Schwarzmarkt auch in umfangreichem Ausmaß, Gerüchte. Drittens nimmt sie das beschlagnahmte Wohnhaus ins Visier, das aufgrund der massiven Wohnraumknappheit neben der Entnazifizierung zu den größten Konflikten zwischen Siegern und Besiegten führte.

Anna-Maria Pedron lotet die wesentlichen Aktionsbereiche aus und analysiert sie konsequent in Bezug auf die Beziehung zwischen Besatzern und Besetzern. Damit ermöglicht sie, dass wir uns heute ein wesentlich deutlicheres Bild der Nachkriegszeit in Bremen machen können als bisher. Die Historikerin leistet mit ihrer gründlichen und gut lesbaren Dissertation einen wichtigen Beitrag zur Zeitgeschichte Bremens.

Die Qualität der Arbeit wurde von der Wittheit zu Bremen gewürdigt: Die Studie von Anna-Maria Pedron wurde mit dem Bremer Preis für Heimatforschung 2011 ausgezeichnet.

Die Publikation umfasst 404 Seiten, sie enthält eine umfangreiche Quellen- und Literaturliste, Kartenmaterial, 12 Abbildungen und ein Personenregister. Sie ist im Staatsarchiv Bremen erhältlich und im Handel bestellbar. ISBN 978-3-925729-65-2

Ein Interview mit Anna Maria Pedron gibt es von buten und binnen hier klicken.

Mario Puzio („Der Pate“) in Bremen der Nachkriegszeit

„Nie wieder schrieb Puzo so ermüdend wie in Bremen“, heißt es  in einem TV-Beitrag von buten und binnen aus diesem Sommer. Wer vom Erstlingswerk des Erfolgsautors Mario Puzo („Der Pate“) Nervenkitzel erwartet wird ebenso enttäuscht, wie derjenige, der Bremer Lokalkolorit sucht, weil der Roman im Bremen der Nachkriegszeit angesiedelt ist.

Verhaltensweisen der frühen Nachkriegszeit werden in dem Roman so ekelig wie sie waren dargestellt und noch nicht beschönigt, stellt die Literaturexpertin Lore Kleinert fest: Puzo beschreibe einen GI, der seine Seele als Kind einer von Kriegsgewalt geprägten Generation verloren hat – eine Reaktion auf den langen Krieg mit all seinen gräßlichen Erlebnissen. Langwierige Beschreibungen mögen für den Leser, der einen rasanten Krimi erwartet, anstrengend sein – die dargestellten moralischen und seelischen Verwerfungen, die das Erleben nackter Gewalt in Krieg und Nachkriegszeit in Menschen hervorrufen können, machen das Buch für mich dennoch lesenswert.

Darüber hinaus ist die Perspektive eines Besatzungssoldaten auf das Feindesland und seine Bevölkerung interessant. Diese Schilderungen basieren wahrscheinlich auch auf Mario Puzos eigene Erfahrung als amerikanischer GI, der in Bremen stationiert war. Die Hauptfigur Walter Mosca begegnet neben anderen GIs mehreren Displaced Person, Überlebenden aus Konzentrationslagern, früheren politischen Häftlingen und Kommunisten und den „Germanen“, Männern, Frauen und Kindern – ob hier ein Übersetzungsfehler vorliegt oder bewußt die Bezeichnung Germanen gewählt wurde, bleibt unklar. Der Beginn des kalten Krieges und des Antikommunismus der USA mit seiner McCarthy-Ära, beide deuten sich im Roman an. Wichtige Ereignisse, wie die Nürnberger Prozesse und der von britischen Besatzern vereitelte Versuch jüdischer DPs illegal nach Palästina zu gelangen, sind aufgenommen.

Mario Puzo, Die dunkle Arena, amerikanische Erstausgabe 1953,1955.                        Auf deutsch erschien das Buch erstmals 1976 im Molden-Taschenbuch-Verlag, wurde wiederholt in verschiedenen Verlagen aufgelegt und ist vergriffen. Aktuell kann es antiquarisch via ZVAB erworben werden.

P.S.: Tatsächlich findet sich sogar ein Verweis auf das Wohnen auf der Parzelle in der (Molden Taschenbuch-Verlag Wien-München 1976, S. 142): „Auf der gegenüberliegenden Straßenseite und ein Stück weiter sah er die Gärten mit ihrem frischen sprießenden Grün, die ebenen Beete und die braungesprenkelten Hütten, in welchen die Gärtner ihr Werkzeug aufbewahrten und zum Teil auch darin wohnten.“