„Auf Lebenszeit in der Laube“ – Sonntagsspaziergang im Deutschlandfunk

„Ein kleiner Trupp Neugieriger hat sich an der Endstation des Busses versammelt. Bis hierhin hat sich ein Gewerbegebiet ausgedehnt, dahinter beginnt das Reich der Kleingärtner. Lange, ungeteerte Wege mit Namen wie Milanweg oder Gartensängerweg, schmale Gräben und Kanäle, und hinter den Hecken die sogenannten „Parzellen“. Die meisten sind gepflegt, mit kurz geschnittenem Rasen, Blumenrabatten oder Gemüsebeeten, andere völlig zugewuchert mit Brombeerbüschen, Farn, Brennnesseln und verwilderten Obstbäumen. Aus der Ferne tönt der Schallteppich einer Autobahn.

An der Haltestelle wartet schon Kirsten Tiedemann.“

So beginnt der Sonntagsspaziergang „Auf Lebenszeit in der Laube“ von Günter Beyer, der kürzlich im Deutschlandfunk gesendet wurde. An Originalschauplätzen sammelte der freie Journalist aus Bremen im Sommer O-Töne und Informationen für diesen Radiobeitrag und begleitete den von mir bei der VHS-Bremen angebotenen Spaziergang „Kaisenhäuser – Fleetkirche – Parzellenkultur“ in der Waller Feldmark. Beyer unternahm später noch einen Abstecher in das Kaisenhausmuseum. Entstanden ist ein schönes Hörstück mit verschiedenen akustischen Eindrücken, einschließlich quietschender Gartenpforte, das an die Geschichte der Kaisenhäuser und ihrer Bewohner in einem Bremer Kleingartengebiet erinnert.

Der sechsminütige Sonntagsspaziergang kann als Podcast im Internet nachgehört und gelesen werden, hier klicken. Er ist genau das Richtige für einen grauen Sonntag. Reinhören! Und später geht es mit dem Picknickkorb zum Frühlingsfest in den KulturGarten Arbergen!

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Ein Kaisenhaus. Foto: A. Oettingshausen

P.S.: … wer jetzt mehr über die Geschichte der Kaisenhäuser und ihre Bauherren und  Bewohner erfahren möchte, findet umfangreiche Infos, viele historische Fotos und Dokumente sowie Erinnerungen der Aufbaugeneration in meinem Buch „Mehr als ein Dach über dem Kopf – Bremens Kaisenhäuser“.

ISBN 978-3-938795-39-2, Preis: 16,90 €.

Kaisenhaus heute und gestern

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Ein intaktes, bewohntes Kaisenhaus von heute.  Foto: Kirsten Tiedemann

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So sah dieses Kaisenhaus um 1953 aus. Das heutige Wohnzimmer war der Verkaufsraum einer Drogerie, mit der die Familie für ihren Lebensunterhalt sorgte und Parzellenbewohner im Quartier mit Farben, Pinseln und Dingen des täglichen Bedarfs versorgte. Foto: privat

Kaisenhäuser sind gebaute Familiengeschichte. Darüber hinaus stehen sie für die engagierte Selbsthilfe in der Nachkriegszeit und für gemeinschaftliche Aktivitäten zur Verbesserung äußerst schwieriger Lebensbedingungen. Sie stehen auch für und durch den jahrzehntelangen Einsatz der Bewohner für die dauerhafte Anerkennung ihrer Häuser. Diese kleinen Wohnhäuser gehören zur Bremer Nachkriegsgeschichte. Bürgermeister Wilhelm Kaisen hegte große Sympathien für die Bewohner und setzte sich für sie ein.

In meinem Buch „Mehr als ein Dach über dem Kopf – Bremens Kaisenhäuser“ ist (fast) die ganze Geschichte dieser Häuser nachzulesen. Es wurde 2013 als „vorzügliche Dokumentation“ mit einem Preis für Heimatforschung der Wittheit zu Bremen ausgezeichnet.

Für 16,90 € gibt es 136 Seiten mit einer Fülle an Erinnerungen und Fakten, historischen Fotos, Plänen und Dokumenten. Es ist Band 16 der Schriftenreihe des Bremer Zentrums für Baukultur und im Handel, im Pressehaus in der Martinistraße Bremen und online beim Verlag Bremer Tageszeitungen erhältlich. ISBN 978-3-938795-39-2

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Ganz überraschend kommt noch ein weiteres Kapitel zur Geschichte der Kaisenhäuser dazu. In Zukunft dürfen intakte Kaisenhäuser nach dem Ende des Auswohnrechts bestehen bleiben und als Gartenhäuser genutzt werden.

Wer mehr über die Hintergründe, zu Entstehung und DIY-Bauweise der Wohnhäuser auf den Parzellen in Bremens Kleingartengebieten und die unterschiedlichen Positionen im gefühlten hundertjährigen Tauziehen um die Wohnhäuser erfahren möchte, findet eine Fülle an historischen Informationen in meinem Buch  „Mehr als ein Dach über dem Kopf – Bremens Kaisenhäuser“.

Über 100 Fotos veranschaulichen die Wohnkultur. Viele Dokumente und Pläne sowie Bauzeichnungen illustrieren den gut lesbaren Band. Preis 16,90 €

Das Buch hat 136 Seiten und ist beim Weser-Kurier im Pressehaus in der Martinistraße in Bremen und im Bremer Zentrum für Baukultur erhältlich. Außerdem kann es hier online erworben und in jedem Buchhandel bestellt werden.

Kirsten Tiedemann, Mehr als ein Dach über dem Kopf, Bremens Kaisenhäuser, Verlag Bremer Tageszeitungen, Bremen 2012, Hg. Bremer Zentrum für Baukultur.                   ISBN: 3938795395

Leserbriefe im Weser-Kurier

Zur aktuellen Debatte um den Fortbestand der Kaisenhäuser sind in den vergangenen Wochen einige Leserbriefe beim Weser-Kurier eingegangen und veröffentlicht worden, die ich hier in loser Folge vorstellen werde.

Weser-Kurier vom 1. Juli 2014

Weser-Kurier vom 1. Juli 2014

Nissenhütten

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In den Erzählungen mancher Großeltern und in einigen Romane, die in der Nachkriegszeit angesiedelt sind, werde Nissenhütten erwähnt. Kaum jemand weiß heute noch, was sich hinter diesem Begriff verbirgt. Es sind halbrunde und schnell zu errichtende Notunter-künfte aus Wellblechfertig-teilen, die nach ihrem Erfinder dem kanadische Ingenieur und Offizier Norman Peter Nissen benannt sind. Die Bezeichnung ist etwas unglücklich gewählt, da vielfach zuerst die als Nissen bezeichneten Läuseeier als Namensgeber assoziert werden, die wiederum für Armut und Schmutz stehen und die ohnehin gebeutelten Bewohner solcher meist peinlich in Ordnung gehaltener Notunterkünfte stigmatisieren.

Die Wellblechhütten werden seit dem Ersten Weltkrieg in vielen Krisengebieten der Welt genutzt. Auch heute noch bewohnen obdachlos gewordene Menschen solch simple Hütten meist als vorübergehende Lösung, denn sie bieten wenig Schutz vor Kälte oder Hitze. In Deutschland kamen diese Hütte besonders nach dem Zweiten Weltkrieg zum Einsatz. In Bremen gab es offiziellen Angaben zufolge nur fünf solcher Hütten. In Hamburg wurden hingegen eine Vielzahl dieser Nissenhütten inmitten der städtischen Trümmer errichtet, in denen geschätzte 14.000 Menschen lebten. Bis 1958 wurde darin gewohnt. Ein Bild dazu finden Sie hier. Auch im niedersächsischen Friedland, wo die britischen Alliierten 1945 eine Anlaufstelle für Displaced Person, Vertriebene, Kriegsflüchtlinge, entlassene Kriegsgefange und andere einrichteten, dienten die Wellblechbaracken als Unterkünfte, Foto siehe hier. In Neumünster/Schleswig-Holstein lebten bis zu 50 Menschen in einer Nissenhütten von 45 Quadratmeter, näheres dazu hier.

Das Bild oben zeigt eine bewohnte Nissenhütte auf einer Parzelle an der Wolfskuhle in Bremen Kattenturm im Jahr 1952. Es ist in meinem Buch „Mehr als ein Dach über dem Kopf – Bremens Kaisenhäuser“ abgedruckt mit freundlicher Genehmigung von Renate Neumann-Breeger.

Benannt sind diese „Blechbüchsen“ nach ihrem Erfinder, dem kanadische Ingenieur und Offizier Norman Peter Nissen. Er entwickelte diese Hütten mit halbrundem Dach und 40 m² Grundfläche, mit einer Länge von elfeinhalb Meter und etwa fünf Meter Breite. Sie diente der Armee im Erste Weltkrieg als möglichst billige, schnell zu errichtende mobile Unterkunft. Vier bis sechs Soldaten benötigten rund vier Stunden, um eine solche Hütte aufzubauen. Ausführlich dazu der Beitrag Nissenhütten (engl.  Nissen Hut) im online-Lexikon Wikipedia.