Mario Puzio („Der Pate“) in Bremen der Nachkriegszeit

„Nie wieder schrieb Puzo so ermüdend wie in Bremen“, heißt es  in einem TV-Beitrag von buten und binnen aus diesem Sommer. Wer vom Erstlingswerk des Erfolgsautors Mario Puzo („Der Pate“) Nervenkitzel erwartet wird ebenso enttäuscht, wie derjenige, der Bremer Lokalkolorit sucht, weil der Roman im Bremen der Nachkriegszeit angesiedelt ist.

Verhaltensweisen der frühen Nachkriegszeit werden in dem Roman so ekelig wie sie waren dargestellt und noch nicht beschönigt, stellt die Literaturexpertin Lore Kleinert fest: Puzo beschreibe einen GI, der seine Seele als Kind einer von Kriegsgewalt geprägten Generation verloren hat – eine Reaktion auf den langen Krieg mit all seinen gräßlichen Erlebnissen. Langwierige Beschreibungen mögen für den Leser, der einen rasanten Krimi erwartet, anstrengend sein – die dargestellten moralischen und seelischen Verwerfungen, die das Erleben nackter Gewalt in Krieg und Nachkriegszeit in Menschen hervorrufen können, machen das Buch für mich dennoch lesenswert.

Darüber hinaus ist die Perspektive eines Besatzungssoldaten auf das Feindesland und seine Bevölkerung interessant. Diese Schilderungen basieren wahrscheinlich auch auf Mario Puzos eigene Erfahrung als amerikanischer GI, der in Bremen stationiert war. Die Hauptfigur Walter Mosca begegnet neben anderen GIs mehreren Displaced Person, Überlebenden aus Konzentrationslagern, früheren politischen Häftlingen und Kommunisten und den „Germanen“, Männern, Frauen und Kindern – ob hier ein Übersetzungsfehler vorliegt oder bewußt die Bezeichnung Germanen gewählt wurde, bleibt unklar. Der Beginn des kalten Krieges und des Antikommunismus der USA mit seiner McCarthy-Ära, beide deuten sich im Roman an. Wichtige Ereignisse, wie die Nürnberger Prozesse und der von britischen Besatzern vereitelte Versuch jüdischer DPs illegal nach Palästina zu gelangen, sind aufgenommen.

Mario Puzo, Die dunkle Arena, amerikanische Erstausgabe 1953,1955.                        Auf deutsch erschien das Buch erstmals 1976 im Molden-Taschenbuch-Verlag, wurde wiederholt in verschiedenen Verlagen aufgelegt und ist vergriffen. Aktuell kann es antiquarisch via ZVAB erworben werden.

P.S.: Tatsächlich findet sich sogar ein Verweis auf das Wohnen auf der Parzelle in der (Molden Taschenbuch-Verlag Wien-München 1976, S. 142): „Auf der gegenüberliegenden Straßenseite und ein Stück weiter sah er die Gärten mit ihrem frischen sprießenden Grün, die ebenen Beete und die braungesprenkelten Hütten, in welchen die Gärtner ihr Werkzeug aufbewahrten und zum Teil auch darin wohnten.“

Der Trümmermörder – Krimi im Alltag der Nachkriegszeit

Cay Rademacher, Der Trümmermörder, Dumont Köln 2011, € 9,90

Wer sich für den Lebensalltag der Nachkriegszeit in einer besetzten und in weiten Teilen zerstörten Hansestadt interessiert, kann durch Cay Rademachers Krimi „Der Trümmermörder“ einen lebhaften Eindruck gewinnen. Vor der Kulisse des Jahrhundertwinters 1946/47 lässt der Historiker Rademacher Oberinspektor Staves in den Trümmern Hamburgs nach einem Serienmörder fahnden. Die Bühne kriminalpolizeilicher Arbeit eignet sich gut, um die Lebensbedingungen einer Nachkriegsgesellschaft auszuleuchten. Seine Ermittlungen führen Oberinspektor Staves in verschiedene Bezirke und Gesellschaftsschichten der Stadt, die zur britischen Besatzungszone gehörte. Dramatische Wohn- und Lebensverhältnisse der stark zerstörten Hafenstadt werden sichtbar, ebenso wie die massive Knappheit an Lebensmitteln und Heizmaterial. Unterschiedliche Strategien, um den Mangel an allem existentiell Notwendigen zu beheben, nennt der Autor ohne moralischen Zeigefinger: Der eine Mensch ist dem Menschen ein Wolf, der andere orientiert sich an grundlegenden humanistischen Werten des Miteinanders, dehnt diese aber aus. Cay Rademacher deutet die durch Nationalsozialismus, Krieg, Verfolgung und Folter gequälten Seelen an. Die unzureichende Entnazifizierung einerseits, eine nun zu anderen Zwecken verwendete Bürokratie andererseits. Einige ungebrochene personelle Kontinuitäten. Das damals geschaffene Suchsystem, um Abermillionen Menschen verstreut über Europa und die UDSSR wieder zueinander finden zu lassen – ohne Internet und Mobiltelefon. Das Nebeneinander von Tätern und Opfern. Die Anonymität trotz massiver räumlicher Beengtheit. Die Möglichkeiten, in chaotischen Zeiten unterzutauchen, in der es mit etwas Geschick leicht war, die Identität zu wechseln. Auch die ungeheuren Anstrengungen, die nötig waren, um eine kriegerische Gesellschaft in eine Zivilgesellschaft umzuwandeln, deuten sich an. Dem Historiker gelingt es, all diese Aspekte  anzureißen und in einen fiktiven Plot um einen authentischen Serienmord herum zu weben. Ganz beiläufig vermittelt er uns in diesem gut zu lesenden Krimi, der unerwartete Wendungen bereit hält, eine Annäherung an den Alltag jener Jahre und die unterschiedlichen menschlichen Reaktionen auf solch außerordentliche Lebensumstände. So ähnlich kann der Alltag vor 65 Jahren auch in Bremen gewesen sein – mit dem Unterschied, dass Bremen eine amerikanische Enklave war und, dass viele Menschen in Bremen statt in Nissenhütten aus Wellblech in Behelfsheimen aus Brettern und Ziegeln auf der Parzelle gelebt haben.