Die neue Gartenordnung – eine Bitte um Versachlichung [Leserinnenbrief]

Zur Diskussion um die Gartenordnung machen sich einige Menschen in Bremen Gedanken – das ist kein Wunder, denn 16.000 Mitglieder hat der Landesverband der Gartenfreunde Bremen und die meisten von ihnen haben einen kleinen Garten. Für  diese Mitglieder, so wie ich eines bin und so wie auch die engagierte Kleingärtnerin und Verfasserin des folgenden Leserinnenbriefes, wird die Gartenordnung Gültigkeit haben und im „Gartenalltag“ wirksam werden. Der konstruktive Beitrag von Ingeborg Jahn beinhaltet neue Aspekte zur Diskussion, die ich hier gerne vollständig veröffentliche. Danke sehr für diese Impulse!

„Die neue Gartenordnung – eine Bitte zur Versachlichung

Ich finde richtig, dass bei der Entscheidung für eine neue Gartenordnung demokratische Spielregeln und Mitgestaltung eingefordert werden. Deshalb spreche ich mich dafür aus, die Abstimmung ins nächste Jahr zu verschieben und die Zeit bis dahin dafür zu nutzen, eine Gartenordnung zu entwickeln, die ökologisch verantwortlich ist und den unterschiedlichen Interessen von Kleingärtner*innen gerecht wird. Mir fällt auf, dass in der Debatte (im WK und anderswo) häufig stereotyp Gegensätze aufgebaut werden, ganz beliebt Gärtner/innen „alten Schlags“ versus junge Familien: die einen arbeiten rechtschaffen, die anderen wollen nur ihre Freizeit genießen. Ich erfahre Unterschiede eher zwischen „Sauber“- und Laissez-faire-Gärtner*innen: Die einen hätten es gerne akkurat, der Rasen getrimmt und beikrautfrei, die anderen freuen sich, wenn das Wiesenschaumkraut im Rasen spriesst und hegen wilde Ecken. Manchmal erscheint auch „kleingärtnerische Nutzung (1/3 der Fläche)“ als schwer vereinbar mit „Natur- und Insektenfreundlichkeit“. Kleingärtnerische Nutzung kann sehr insektenfreundlich sein: Mischkultur von Gemüsepflanzen und Stauden, Kräuterbeete mit Oregano, Salbei, Thymian, Pflanzen mit essbaren Blüten … alles kleingärtnerische Nutzung … ebenso Beerensträucher und Obstbäume. In diesem Sinne ist die Ein-Drittel-Regelung doch ein guter Anhaltspunkt. Ich bin unbedingt dafür, dass die Nutzung eines Kleingartens auch kleingärtnerisch ist … sonst wäre es ein Wochenend-Grundstück (mit ggfs. entsprechend höheren Kosten). Auch eine Heckenhöhe entlang der Wege, die Einblicke ermöglicht, finde ich wichtig, zum Gucken und Sich-Inspirieren-Lassen … und auch für den Schwatz übern Gartenzaun. Die Gartenordnung ist ein Rahmen aus nützlichen Regeln, in dem unterschiedliche Stile des Gärtnerns möglich sind. Die Vielfalt zu respektieren und zu fördern, sollten sich Kleingartenvereine ebenso wie der Landesverband zu ihrer Aufgabe machen. Dazu gehört die Einsicht aller Beteiligten, dass ein Kleingarten sich nicht im Liegestuhl pflegen lässt, d.h. Machen und Tun erfordert, UND eine Kultur der gegenseitigen Hilfe und Unterstützung für neue – und alte – Gartenfreund*innen. Vielleicht hat die junge Familie sich das Aufräumen eines verwahrlosten Gartengrundstücks leichter vorgestellt als es tatsächlich ist oder freut sich über Hinweise, wie das ganze Schnittgut sinnvoll verwendet werden kann (Kompost, Hochbeet). Vielleicht wünscht sich der älter gewordene Gartenfreund Beistand bei der Umgestaltung des Gartens zur Erleichterung der Pflege. Eine Wildblumenwiese oder ein Wildstaudenbeet kann die bessere Lösung sein, als Rasen einzusäen, der mindesten 6 Monate im Jahr ständig „mäh..“ ruft.“

Ingeborg Jahn, Bremen, engagierte Kleingärtnerin seit fast 20 Jahren

Mal über die Hecke gucken

Gärtnern ist ein modernes Hobby, das sich in allen Medien spiegelt. Im Zeit-Magazin widmete sich der anregende Beitrag „Alle wollen in der Stadt leben und vermissen dann die Natur. Wie kann man beides miteinander verbinden“ von Elisabeth Bauer, Timann Prüfer und Annable Wahlba dem aktuellen grünen Lebensstil (1.4.2015). Das Nordwestradio präsentierte kürzlich eine gelungene Wochenserie, die die unterschiedlichsten Facetten des Gärtnerns auslotete (podcast zu den Beiträgen hier).

Ich frage mich, ob sich der breite umweltpolitische Konsens (Schutz von Umwelt und Natur sowie Nachhaltigkeit in Ernährung, Energiewirtschaft, Architektur usw.) unserer Gesellschaft und der Wunsch nach einem grünen Leben eigentlich positiv auf die bestehenden Reglementierungen für das Gärtnern in Kleingärten auswirkt? Dieser Frage will ich hier am Beispiel der vorgeschriebenen Höhe der Hecke im Kleingarten nachgehen. Gibt es eine zeitgemäße Lockerung, die das gewandelte Bewußtsein und die Bedürfnissen der Freizeitgärtner aufgreift? Wird eine Höhe der Hecke in Kleingärten eigentlich regional festgelegt? Wer ist dafür verantwortlich?

Auf einer Radfahrt durch Bremens vielfältige Kleingartengebiete lässt sich leicht feststellen, dass die bunten Gärten ganz unterschiedlich begrenzt werden: Hecken sind in Höhe und Form vielfältig gestaltet. Der Blick in die „Gartenordnung“, die die Parzellenpächterin bei der Übernahme eines Gartens bekommt, gibt darüber eine anders lautende Information. Dort heißt es seit vielen Jahren, dass die Hecke eine maximale Höhe von 1,10 Meter haben darf.

Guckt man einmal über die bremische Gartenhecke hinweg in andere Städte und Bundesländer, wird man überrascht fesstellen, dass in verschiedenen Gartenordnungen ganz unterschiedliche mit der Thematik umgegangen wird. In 21 willkürlich ausgewählten Gartenordnungen fand ich nur zwei Regelungen, die denen der Bremer Ordnung entsprechen oder sogar noch darunter liegen: Hamburg verpflichtet ebenfalls zu 1,10 Meter und Frankfurt liegt mit 0,80 Meter noch darunter. Alle anderen Angaben liegen darüber, nämlich 1,20 Meter (8x), 1,25 Meter (2x) 1,30 (2x), bis 1,40 Meter (5 x) bis hinauf zu 1,50 Meter (1x) und schließlich 1,80 Meter (1x). (Auflistung der Städte/ Bundesländer siehe unten)

Diese regional unterschiedlichen Begrenzungen deutet darauf hin, dass es in der Frage Handlungsspielräume gibt und die Heckenhöhe nicht vom Bundeskleingartengesetz geregelt wird. Ein Blick in das Gesetz bestätigt diese Annahme. Die Gartenordnungen scheinen meist von Landes- oder Kreisverbänden der Kleingärtner verfasst zu werden. In Frankfurt ist es abweichend davon der Magistrat der Stadt.

Da Kleingartengebiete in Bremen und anderen Städten häufig als Kleingartenparks konzipiert werden, die nicht nur für Pächter zugänglich sind, ist eine Regulierung der Heckenhöhe nötig, damit der Spaziergänge den Blick schweifen lassen kann. Anlass für diese Konzeption ist die hohe positive Bedeutung von Grünflächen für Gesundheit und Wohlbefinden von Menschen. Öffentliche Grünflächen, Parks und Kleingartengebiete verbessern die Lebensqualität der städtischen Bevölkerung nachhaltig. Kleingartenanlagen haben für eine Stadt darüber hinaus den Vorteil, dass sie mit der Verpachtung der Flächen Geld einnehmen und die Pflege anderen überlassen kann.

Was meint Kleingartenpark? Hierunter wird ein Konzept verstanden, dass für Kleingartengebiete eine Kombination aus privater und öffentlicher Nutzung zur Naherholung vorsieht. Die einzelnen Gärten werden individuell genutzt. Gleichzeitig sind die Kleingartengebiete, d.h. Wege und einige Plätze, für die Öffentlichkeit frei zugänglich und gelten als öffentliche Grünflächen. Sie sind nicht von hohen Zäunen umgeben, wie in manchen Städten üblich (z.B. Hamburg, Göttingen, Darmstadt) und nicht nur für Mitglieder zugänglich. Das Konzept Kleingartenpark zeigt sich mancherorts sogar in der Ausprägung als öffentlicher Parkanlage mit Rasenflächen, alten Bäumen und Gewässern, die mit mehreren Kleingärtnervereinen kombiniert werden. Der Kleingartenpark an der Grenze von Horn/Oberneuland, nördlich des FlorAtriums gelegen, ist hierfür ein Beispiel (hier google maps). Neben der freien Zugänglichkeit ist die freie Sicht eine zentrale Voraussetzung für dieses Konzept. Der Blick für Spaziergänger soll nicht durch hohe Heckenwände zum Tunnelblick werden. Der Blick soll vielmehr frei über die Gartenflächen schweifen können und so auch den Spaziergänger an der Schönheit des jeweiligen Grüngebietes beteiligen.

Hier ergibt sich ein Interessenkonflikt, denn der Wunsch von Spaziergängern und Landschaftsplanern nach freien Sichtachsen steht in Widerspruch zum berechtigten Bedürfniss von Kleingärtnern nach geschütztem Gärtnern. Viele Gärtner möchten ihre Freizeit im Garten verständlicherweise nicht auf dem Präsentierteller verbringen. Zur Lösung dieses Interessenkonflikts wählen viele Kleingärtnerverbände anderer Städte und Bundesländer den Weg, dass sie das Wachstum der Hecken bis etwa auf Brusthöhe zulassen.

In Bremen haben viele Kleingärtnerinnen und Kleingärtner bereits Fakten geschaffen und ihre Hecke in variierender Höhe angelegt. Damit geben sie ihrem Bedürfniss nach mehr Privatsphäre Ausdruck und übrigens auch der ökologisch begründeten Absicht, Vögeln mehr Lebensraum zu geben. Sie machen deutlich, dass die aktuelle Gartenordnung in diesem Punkt nicht mehr zeitgemäß ist. Es wäre zu begrüßen, wenn hier nun auch formal eine Modernisierung vorgenommen wird.

—- Heckenhöhe in Städten bzw. Bundesländern

(Quellen: Gartenordnungen, die im Internet aufrufbar sind. Bei Bedarf bei mir zu erfragen.)

o 1 x 0,80 m (Frankfurt a.M.)

o 2 x 1,10 m (Bremen/ Hamburg)

o 8 x 1,20 m (Hannover, Kiel, Kassel, Essen, Magdeburg, Halle/Saale, Sachsen)

o 2 x 1,25 m (Berlin, Köln)

o 2 x 1,30 m (Hildesheim/ Brandenburg)

o 5 x bis 1,40 m (Düsseldorf/Westhavelland/Bad Kreuznach/Chemnitz/Neu Ulm)

o 1 x 1,50 m (Mecklenburg-Vorpommern)

o 1 x 1,80 m (Mainz)