Effektiver Widerspruch: Großer Erfolg für Hamburgs Kleingärtner

Das macht Mut! Massiver und stetiger Widerspruch gegen rigides Vorgehen des Landesbundes der Kleingärtner in Hamburg gegen die eigenen Verbandsmitglieder hat Erfolg. Hamburgs Kleingärtnervereine müssen die Mustersatzung nicht übernehmen, die weitreichende Eingriffe des Landesbundes in die einzelnen Vereinsgeschäfte ermöglicht hätte. Im Vorfeld gab zahlreiche Widersprüche. Der dortige Dachverband ging dann soweit, den Vereinen, die die Mustersatzung nicht übernehmen wollten, eine Abmahnung zuzusenden, wie die SchreberRebellen e.V. berichten. Ich frage mich, warum der Hamburger Verbund seine zahlenden Mitglieder ausschließen will, statt gemeinsam auf eine für alle Vereine tragbare, demokratische Lösung hinzuarbeiten und die Souveränität der einzelnen Vereine beizubehalten. Gedroht wurde den Kritikern, d.h. ganzen Kleingärtnervereinen, implizit sogar mit Kündigung von Pacht aller Gärten und Mitgliedschaft im Verbund. Das ist rechtlich überhaupt nicht möglich – wie sich herausstellte. Der Hamburger Landesbund musste zurückrudern.

In Bremen ist es eine angestrebte Änderung der Gartenordnung, die dem Landesverband der Gartenfreunde Bremen e.V. (LVB) weitreichende Eingriffe in die Vereine ermöglichen würde. Es gibt nicht wenige Stimmen, die sich dagegen aussprechen – auch in den Kommentaren hier auf dem Blog. Ein erster Verein hat den aktuellen Entwurf auf seiner Jahreshauptversammlung mit 100% der Stimmen der anwesenden Mitglieder abgelehnt, so berichten die Kleingartenrebellen Bremen. Ich hörte selbst von mehreren Änderungsanträgen, die dem LVB in der Sache inzwischen zugegangen sind. Der Entwurf ist also noch lange nicht verabschiedet!

Hier gibt es genauere Informationen aus Hamburg:

„Nach Abmahnung tausender Mitglieder. Landesbund muss zurückrudern.

Den Mitgliedern drohen, so einfach geht es dann doch nicht. Das ist dem Vorstand des „Landesbundes der Kleingärtner in Hamburg“ (LGH) wohl klar geworden, nachdem zahlreiche der 311 Hamburger Kleingartenvereine sehr erbost auf die „Abmahnung“ reagiert haben, die der LGH ihnen im Februar hatte zukommen lassen. In dem Schreiben fordert der Dachverband, dass alle 311 Hamburger Gartenvereine bis zum 31.05.2018 die von ihm vorgelegte Mustersatzung übernehmen – andernfalls würden sie, so klingt es in dem Schreiben, aus dem Verband geworfen und würden ihre Gärten verlieren. Dass das aber gar nicht möglich ist, zeigt nun eine Drucksache des Hamburger Senats.

Der entscheidende Satz: „Nach § 10 Absatz 3 BKleingG tritt der Verpächter (hier LGH) in die Verträge des Zwischenpächters (KGV) mit den Kleingärtnern ein, wenn ein Zwischenpachtvertrag durch eine Kündigung des Verpächters beendet wird.“

Eine Kündigung der Flächen wegen „Ungehorsam“ gegenüber dem Dachverband gibt das Bundeskleingartengesetz (auf das sich nicht zuletzt der LGH sehr gerne zu berufen pflegt), nämlich nicht her. In diesem Bundesgesetz aus dem Jahr 1983 sind die möglichen Kündigungsgründe für Kleingärten abschließend geregelt. Einfach Kündigungsgründe hinzuerfinden – das geht nicht.

Kein Kleingärtner muss also deswegen um seine Parzelle bangen.

Diese Nachricht wird vor allem jene der 43.000 Hamburger Kleingärtner beruhigen, in deren Vereinen die Mustersatzung des Verbands aus nachvollziehbaren Gründen nicht die satzungsändernde Mehrheit von drei Vierteln der Mitglieder erlangt hat – und die mit aus den Fingern gesogenen Horroszenarien in Angst und Schrecken versetzt werden.

Reale Sorgen sollte den Schrebern eher die „Nachverdichtung“ machen, die in der Einheitssatzung steht! Denn aufgrund der Nachverdichtung haben allein in 2017 schon viele Hundert Kleingärtner ihre Gärten verloren.

… „

Den vollständigen Beitrag findet ihr hier 

 

Ganz allgemein möchte ich auf den Verein der Grundstücksnutzer aufmerksam machen, der sich seit vielen Jahren in neuen und alten Bundesländern überregional für die Rechte von Kleingärtnern und anderen Grundstücksnutzern einsetzt. VDGN

 

Raum zum Träumen

Was geht verloren, wenn der städtische Raum immer weiter verdichtet wird und Brachen verschwinden? Dieser Frage widmet sich die Ausstellung ‚Terrain vague – so viel Platz schaufel ich frei für dich‘ kuratiert von der Fotografin Sarah Hildebrand im Westwerk. ‚Un-Ordnung und frischer Wind‘ in HH. Die Bilder von Sarah Hildebrand zeigen gemeinsam mit Werken, Performances und Beiträgen weiterer 30 GastkünstlerInnen ein facettenreiches Bild der schwindenden Gelegenheiten zu träumen, sich zu sehnen und zu experimentieren, so die Haltung der Kuratorin. Diese Aktivitäten sind nicht zu unterschätzen, denn sie sind Grundlage für Kreativität und Entdeckungen. Rund um das höchst aktuelle Thema gibt es auch in Bremen vielfältige Aktionen, die häufig von der Zwischenzeitzentrale ZZZ, aber auch von anderen AktivistInnen realisiert werden. Eindrücke von Hildebrands Bildern, die auch Vergänglichkeit versinnbildlichen, und weitere anregende Gedanken bietet ein Beitrag der ZEIT. Zum Programm im Westwerk. – hier klicken. Bis 28. Januar.

Dazu gibt es hier von mir ein paar Bilder brach liegender Gärten mit Schnee, wie ich sie in verschiedenen Stadtteilen Bremens fand.Pforte

Verlassen Schuppen

 

 

IMG_6553_BRacheIMG_6586_BrachIMG_6447_BrachFotos: Kirsten Tiedemann

Der Trümmermörder – Krimi im Alltag der Nachkriegszeit

Cay Rademacher, Der Trümmermörder, Dumont Köln 2011, € 9,90

Wer sich für den Lebensalltag der Nachkriegszeit in einer besetzten und in weiten Teilen zerstörten Hansestadt interessiert, kann durch Cay Rademachers Krimi „Der Trümmermörder“ einen lebhaften Eindruck gewinnen. Vor der Kulisse des Jahrhundertwinters 1946/47 lässt der Historiker Rademacher Oberinspektor Staves in den Trümmern Hamburgs nach einem Serienmörder fahnden. Die Bühne kriminalpolizeilicher Arbeit eignet sich gut, um die Lebensbedingungen einer Nachkriegsgesellschaft auszuleuchten. Seine Ermittlungen führen Oberinspektor Staves in verschiedene Bezirke und Gesellschaftsschichten der Stadt, die zur britischen Besatzungszone gehörte. Dramatische Wohn- und Lebensverhältnisse der stark zerstörten Hafenstadt werden sichtbar, ebenso wie die massive Knappheit an Lebensmitteln und Heizmaterial. Unterschiedliche Strategien, um den Mangel an allem existentiell Notwendigen zu beheben, nennt der Autor ohne moralischen Zeigefinger: Der eine Mensch ist dem Menschen ein Wolf, der andere orientiert sich an grundlegenden humanistischen Werten des Miteinanders, dehnt diese aber aus. Cay Rademacher deutet die durch Nationalsozialismus, Krieg, Verfolgung und Folter gequälten Seelen an. Die unzureichende Entnazifizierung einerseits, eine nun zu anderen Zwecken verwendete Bürokratie andererseits. Einige ungebrochene personelle Kontinuitäten. Das damals geschaffene Suchsystem, um Abermillionen Menschen verstreut über Europa und die UDSSR wieder zueinander finden zu lassen – ohne Internet und Mobiltelefon. Das Nebeneinander von Tätern und Opfern. Die Anonymität trotz massiver räumlicher Beengtheit. Die Möglichkeiten, in chaotischen Zeiten unterzutauchen, in der es mit etwas Geschick leicht war, die Identität zu wechseln. Auch die ungeheuren Anstrengungen, die nötig waren, um eine kriegerische Gesellschaft in eine Zivilgesellschaft umzuwandeln, deuten sich an. Dem Historiker gelingt es, all diese Aspekte  anzureißen und in einen fiktiven Plot um einen authentischen Serienmord herum zu weben. Ganz beiläufig vermittelt er uns in diesem gut zu lesenden Krimi, der unerwartete Wendungen bereit hält, eine Annäherung an den Alltag jener Jahre und die unterschiedlichen menschlichen Reaktionen auf solch außerordentliche Lebensumstände. So ähnlich kann der Alltag vor 65 Jahren auch in Bremen gewesen sein – mit dem Unterschied, dass Bremen eine amerikanische Enklave war und, dass viele Menschen in Bremen statt in Nissenhütten aus Wellblech in Behelfsheimen aus Brettern und Ziegeln auf der Parzelle gelebt haben.