Der Schieber [Kleingarten im Krimi]

Der Winter bietet für mich mehr Lesezeit und das nehme ich zum Anlass, um meine lose Reihe „Kleingarten in der Literatur“, die ich mit einem Theaterstück von Dario Fo im Sommer begonnen habe, fortzusetzen.

Welche Szenen sind es, die in Romanen oder Krimis, die in unterschiedlichen Jahrzehnten verfasst wurden und von den Autor*innen in verschiedene gesellschaftliche und historische Zusammenhänge gestellt worden sind, in Kleingärten spielen? Welche Perspektive erhalten wir durch sie auf das Gärtnern und den urbanen Kleingarten? Welche Bedeutung kommt ihm zu? Ist es banal und nebensächlich? Ist es ein Idyll? Überraschend ist es allemal, dass ein Kleingarten überhaupt in Prosawerken auftaucht. Einige Bücher/Szenen habe ich für euch noch in petto. Kennt ihr auch welche?

Der Historiker Cay Rademacher hat einige interessante historische Krimis vorgelegt, die in der Nachkriegszeit in Hamburg angesiedelt sind und den Nebeneffekt haben, dass sie den kargen Alltag und die Überlebensstrategien in einer in weiten Teilen zerstörten Großstadt unmittelbar nach dem Ende des Nationalsozialismus anschaulich vermitteln.

Der Schieber“ ist der zweiten Krimi der Reihe um Oberinspektor Stave, dessen Handlung 1947 spielt. Für Staves erwachsenen Sohn wird ein Kleingarten mit Laube zur willkommenen Notunterkunft*.

 „In einen Schrebergarten, nach Berne. Kleine Hütte. Wasser aus dem Fass Plumpsklo, aber ein Ofen. Nicht, dass ich den in den nächsten Monaten brauchen dürfte.“

„Ein Schrebergarten?“, entfährt es Stave. Früher hat er sich um derartige Parzellen nie gekümmert. Seit 1945 sind Schrebergärtner kleine Könige, die auf ihren eifersüchtig gehüteten Territorien Kartoffeln, Salate und Tabak ziehen. Wer einen hat, kann sich mit den Erträgen einer guten Saison ein kleines Vermögen auf dem Schwarzmarkt ertauschen. „Wer läßt dich freiwillig in seinem Schrebergarten wohnen?“

„Ein Kriegskamerad. War auch in Workuta und ist ein paar Wochen vor mir zurückgekehrt. Seine Eltern hatten einen Schrebergarten. Sie sind 1943 gestorben. Den Garten hatten irgendwelche Leute in Beschlag genommen.“

„Irgendwelche Leute?“

Karl zuckte mit den Achseln. „Irgendwer hat sich selbst dort einquartiert. Mein Freund hat sie hinausgeworfen.“ Seite 208

Zu erwähnen ist, dass für eine guten Ernte mehrere Voraussetzungen erfüllt werden müssen: Ausreichend Saatgut und Dünger, gute Witterungsbedingungen und gärtnerisches Know-how.

Rademacher deutet den enormen Bedeutungsgewinn an, den Kleingärten in Krisenzeiten, wie beispielsweise Kriegs- und Nachkriegszeit in Deutschland vor 70 Jahren, in verschiedener Hinsicht erhalten können.

Cay Rademacher, Der Schieber, Dumont Köln 2012, 352 Seiten, Euro 16,99, ISBN 978-3-8321-6254-2

* Dies soll kein versteckter Hinweis darauf sein, in der aktuellen Diskussion Kleingärten und Lauben als Notunterkunft zu berücksichtigen.

Der Trümmermörder – Krimi im Alltag der Nachkriegszeit

Cay Rademacher, Der Trümmermörder, Dumont Köln 2011, € 9,90

Wer sich für den Lebensalltag der Nachkriegszeit in einer besetzten und in weiten Teilen zerstörten Hansestadt interessiert, kann durch Cay Rademachers Krimi „Der Trümmermörder“ einen lebhaften Eindruck gewinnen. Vor der Kulisse des Jahrhundertwinters 1946/47 lässt der Historiker Rademacher Oberinspektor Staves in den Trümmern Hamburgs nach einem Serienmörder fahnden. Die Bühne kriminalpolizeilicher Arbeit eignet sich gut, um die Lebensbedingungen einer Nachkriegsgesellschaft auszuleuchten. Seine Ermittlungen führen Oberinspektor Staves in verschiedene Bezirke und Gesellschaftsschichten der Stadt, die zur britischen Besatzungszone gehörte. Dramatische Wohn- und Lebensverhältnisse der stark zerstörten Hafenstadt werden sichtbar, ebenso wie die massive Knappheit an Lebensmitteln und Heizmaterial. Unterschiedliche Strategien, um den Mangel an allem existentiell Notwendigen zu beheben, nennt der Autor ohne moralischen Zeigefinger: Der eine Mensch ist dem Menschen ein Wolf, der andere orientiert sich an grundlegenden humanistischen Werten des Miteinanders, dehnt diese aber aus. Cay Rademacher deutet die durch Nationalsozialismus, Krieg, Verfolgung und Folter gequälten Seelen an. Die unzureichende Entnazifizierung einerseits, eine nun zu anderen Zwecken verwendete Bürokratie andererseits. Einige ungebrochene personelle Kontinuitäten. Das damals geschaffene Suchsystem, um Abermillionen Menschen verstreut über Europa und die UDSSR wieder zueinander finden zu lassen – ohne Internet und Mobiltelefon. Das Nebeneinander von Tätern und Opfern. Die Anonymität trotz massiver räumlicher Beengtheit. Die Möglichkeiten, in chaotischen Zeiten unterzutauchen, in der es mit etwas Geschick leicht war, die Identität zu wechseln. Auch die ungeheuren Anstrengungen, die nötig waren, um eine kriegerische Gesellschaft in eine Zivilgesellschaft umzuwandeln, deuten sich an. Dem Historiker gelingt es, all diese Aspekte  anzureißen und in einen fiktiven Plot um einen authentischen Serienmord herum zu weben. Ganz beiläufig vermittelt er uns in diesem gut zu lesenden Krimi, der unerwartete Wendungen bereit hält, eine Annäherung an den Alltag jener Jahre und die unterschiedlichen menschlichen Reaktionen auf solch außerordentliche Lebensumstände. So ähnlich kann der Alltag vor 65 Jahren auch in Bremen gewesen sein – mit dem Unterschied, dass Bremen eine amerikanische Enklave war und, dass viele Menschen in Bremen statt in Nissenhütten aus Wellblech in Behelfsheimen aus Brettern und Ziegeln auf der Parzelle gelebt haben.