Lasst die Ligusterhecken blühen – die Bienen danken es euch [Gastbeitrag von Ingeborg Jahn]

Herzlichen Dank an Ingeborg Jahn für den anregenden Beitrag zur bienenfreundlichen Blüte von Liguster, den ich gerne mit ihrer Vorbemerkung dazu, wie sie auf die Idee dazu kam, mit euch teile.

„Lasst die Ligusterhecken blühen … was dahinter steckt:
Ich bin seit rund 18 Jahren kleine Gärtnerin … aber ich muss gestehen, dass ich den Liguster überhaupt und auch als Bienenpflanze erst im letzten Sommer wahrgenommen habe. Ich hörte mit, wie zwei Gartenfreunde darüber sprachen, dass eine Hecke, die aus meiner Sicht wunderschön blühte (siehe Foto), unbedingt geschnitten werden müsste, weil der Austrieb schon viel zu weit in den Weg rage. Da musste ich doch genauer gucken und konnte ziemlich viele Honigbienen und weitere Insekten beobachten. Erst dann habe ich mich etwas informiert und gedacht, dass es eine gute Idee wäre, Gartenfreund*innen zu motivieren, ihre Ligusterhecken doch möglichst blühen zu lassen. Liguster gilt zwar als mittelmäßiges Bienenfutter (Pollen und Nektar), aber die Menge der vielen Ligusterhecken macht’s … vor allem dann, wenn es sonst nicht viel zu holen gibt:

In unserem Kleingartenverein „Gute Ernte“ gibt es viele Ligusterhecken. Leider sieht man sie nur selten blühen. Eigentlich schade, denn die weißen duftenden Blüten sind sehr hübsch und sie bieten Bienen und weiteren Insekten Nektar und Pollen.
Auch werden Tagfalter wie Weißlinge (Pieris), das Große Ochsenauge (Maniola jurtina) und der Kleine Fuchs (Aglais urticae) angelockt. Für die Raupen einiger Nachtfalterarten,so des Ligusterschwärmers (Sphinx ligustri), ist Liguster eine wichtige Nahrungspflanze. Der Liguster ist auch ein Vogelnist- und Nährgehölz, z.B. für Amseln und Gimpel.

Der Liguster ist ein heimisches Gehölz und blüht im Somer. Die Blüten bilden sich an der Spitze des Neuaustriebs, Blütezeit ist Juni und Juli. In Anleitungen wird häufig empfohlen, Liguster – wie bei Sommerblühern üblich – kurz vor Austriebsbeginn im Frühling zuschneiden. Unserer Erfahrung nach blüht die Ligusterhecke dann jedoch nicht zuverlässig. Alternativ kann man deshalb ausprobieren, erst nach der Blüte ab August/September zu schneiden – oder nur alle zwei Jahre. Wenn genügend Platz ist, kann man die Hecke auch frei wachsen lassen und seltener auslichten. Im Schatten blüht der Liguster nicht so gerne,
so dass hier eine Formschnitthecke mit häufigem Schnitt (auf Vogelnester achten) aus Bienensicht in Ordnung wäre.

Blühender Liguster mit Biene – Sommer 2017 im KlGV „Gute Ernte“ in Bremen. Foto: Ingeborg Jahn

Empfehlung: Beobachtet Eure Ligusterhecken, wie sie am besten zur Blüte kommen. Erprobt den Frühlingsschnitt (vor dem 1. März) oder den Schnitt nach der Blüte (dann gibt es aber leider keine Beeren). Verzichtet darauf, zwischen März und August/September den Zuwachs der Hecke zu schneiden (Formschnitt). Vielleicht ist es auch möglich, pro Jahr nur eine Seite der Hecke zu schneiden, so dass die nicht geschnittene Seite Blüten und Beeren tragen kann. Die Bienen, Falter und Vögel danken es Euch.

Alle Teile von Liguster gelten als schwach giftig. In der „Offiziellen Liste giftiger Pflanzenarten“ ist die Pflanze nicht enthalten. Enthalten sind jedoch z.B. Kirschlorbeer, Lebensbaum und weitere Pflanzen, die in vielen unserer Gärten zu Hause sind. https://www.giz-nord.de/cms/index.php/liste-giftiger-pflanzenarten.html,
abgerufen 17.3.2018

Quellen (u.a.): NABU, BUND, http://www.baumkunde.de, http://www.schmetterling-raupe.de.

Ich danke dem AK Bienen und Blüten beim BUND Bremen und Hartmut Clemen für wertvolle Hinweise.
Dies ist eine persönliche Information, die auf angelesenem Wissen und Erfahrungen im Garten basiert. Sie darf völlig frei verwendet werden. Rückmeldungen erreichen mich unter gribat.jahn@t-online.de“

Eine Garteninformation von Ingeborg Jahn, KLGV „Gute Ernte“ Bremen (Version: März 2018)

Mensch und Biene – gemeinsam für eine lebenswerte Stadt? Antworten auf eine Anfrage an den Bremer Senat

Mensch und Biene – gemeinsam für eine lebenswerte Stadt?“ ist eine Kleine Anfrage der SPD-Fraktion an den Bremer Senat vom 19.12.2017, auf die es nun Antworten gibt. Diese möchte ich euch hier teilweise vorstellen.

[Zwei Anmerkungen möchte die Autorin dem Abdruck voranstellen: 1. Es überraschte, dass diese Anfrage aus der SPD-Fraktion kommt. Will die SPD ihr „grüne“ Seite hervorheben? 2. In der Antwort zur zweiten Frage wird auch auf die Zusammenarbeit mit dem Landesverband der Gartenfreunde Bremen hingewiesen, dabei geht es konkret um die Förderung von Wildblumenwiesen insbesondere auf einzelnen Parzellen. Kleingartenvorstände und Fachberater sollen diesbezüglich geschult werden. Aber: Wie ich weiß, wurde im vorletzten Entwurf der neue Gartenordnung des Landesverbands der Gartenfreunde Bremen genau das ausdrücklich nicht mehr zugelassen. Dort hieß es sogar, dass Wildblumenrasenwiesen auf den einzelnen Parzellen verboten werden sollten. Dies sollte im Februar von der zuständigen Delegiertenversammlung angenommen werden. KT // Aktualisierung: Grade wurde mir gesagt, dass der Passus über die Wildblumenwiesen in dem aktuellsten Entwurf nicht mehr enthalten ist. Der Totholzhaufen als wichtiger Lebensraum für Bienen und Insekten darf jedoch bald nicht mehr auf den Parzellen angeboten werden. KT ]

Hier lest ihr die komplette Anfrage
„Von den 560 Bienenarten in Deutschland ist mehr als die Hälfte akut in ihrem Bestand bedroht, viele stehen auf den Roten Listen der gefährdeten Tierarten. Auch bei vielen anderen Insektenarten ist ein inzwischen alarmierender Rückgang zu verzeichnen. Dabei sind gerade Bienen ebenso für das ökologische Gleichgewicht wie auch für die Ernährung immens wichtig. Ohne sie gäbe es keine Äpfel, Erdbeeren, Kürbisse oder Gurken. Die fleißigen Bestäuber sorgen einer Studie aus dem Jahre 2008 zufolge für die Erzeugung mindestens eines Drittels unserer Nahrung. Andere Zahlen sprechen gar von rund 85 Prozent der landwirtschaftlichen Erträge in Deutschland, die von der Bestäubung durch Wildbienen und andere Insekten abhängen. Abhilfe könnte eine zielgerichtete Strategie des ökologischen Gärtnerns schaffen: Auf begrünten Terrassen, Balkons und Flachdächern, Garagenhöfen und Industriehallen können gerade in dicht besiedelten Stadtquartieren Räume für Bienenvölker geschaffen werden. Da sich alle Insekten in einer evolutionären Koexistenz mit den Blüten entwickelt haben, ist der Einsatz von einheimischen Pflanzen besonders wichtig. Denn eingeführte Kulturpflanzen werden oft nur von sehr wenigen oder gar keinen Insekten angeflogen. Die klassische Bepflanzung Bremischer Gärten mit Rhododendren und Buchsbäumen ist da wenig hilfreich. Intakte, ökologische Kreisläufe und die Förderung der Artenvielfalt werden daher immer wichtiger für das Leben in der Stadt und den Schutz bedrohter Arten. Dafür benötigt es Aufklärung und Unterstützung unterschiedlicher Initiativen.
Insgesamt gilt: Unsere intensiv genutzte Landschaft weist kaum noch insektenfreundliche Lebensräume auf. Auch in den städtischen Grünflächen sind auf mehrmalig im Jahr gemähten Rasenflächen nur wenige blühende Pflanzen zu finden. Ziel muss es daher sein, neue Lebensräume für Insekten zu schaffen. So könnte die Biodiversität (Lebensraumvielfalt) im städtischen Grün wieder zunehmen und ein Ausgleich zu Siedlungsstrukturen angesichts zunehmender Verdichtung geschaffen und städtischer Raum wieder für Bienen und andere Insekten zu einem angemessenen Lebensraum werden.

Wir fragen den Senat:
1.Gibt es derzeit Programme im Land Bremen, die die Umwandlung von Brachflächen zur gärtnerischen Nutzung möglich machen?

2. Hält der Senat eine engere Zusammenarbeit mit dem Landesverband der Garten-freunde und der Landwirtschaftskammer zur Förderung des ökologischen Gärtnerns für sinnvoll?

3. Welche Möglichkeiten sieht der Senat, die Bürgerinnen und Bürger für die Belange von Bienen und anderen Insekten zu sensibilisieren?

4. Hält der Senat die Umwandlung von städtischen Rasenflächen zu Blühwiesen oder Streuobstwiesen für sinnvoll?

5. Hält der Senat die Umwandlung auszuwählender Bereiche des sogenannten Straßenbegleitgrüns und/oder Randstreifen landwirtschaftlich genutzter Flächen in Blühstreifen für machbar und finanziell darstellbar?“

Die Antworten des Bremer Senat 
Frage 1: Gibt es derzeit Programme im Land Bremen, die die Umwandlung von Brachflächen zur gärtnerischen Nutzung möglich machen?

Antwort des Senats: „Derzeit gibt es kein Programm zur Umwandlung von Brachflächen zur gärtnerischen Nutzung. Nach Auffassung des Senats würde eine solche Umwandlung dem Insektenschutz auch wenig zu Gute kommen, da Brachflächen blütenreicher sein können als gärtnerisch genutzte Flächen und in der Regel selbst wertvollen Lebensraum für Bienen und andere Insekten bieten. Grundsätzlich wirkt die Naturschutzbehörde beim Senator für Umwelt, Bau und Verkehr auf eine laufende Berücksichtigung von blüten- und strukturreichen Habitaten bei Kompensationsmaßnahmen sowie auf den Insektenschutz als Beitrag zur Verminderung von Eingriffsfolgen (z.B. insektenfreundliche Beleuchtung) hin. Derzeit beginnt der Senator für Umwelt, Bau und Verkehr das im Rahmen des vom Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) geförderte Projekts‚ Green Urban Labs‘: Im rund 480 ha großen Kleingartenpark im Bremer Westen gibt es auf Grund des Strukturwandels im Kleingartenwesen ein Mosaik an brachgefallenen Kleingärten. Ein Teil dieser freigefallenen Gärten wird im Rahmen des Projektes ‚Green Urban Labs‘, welches die Entwicklung eines Naherholungsparks mit kleingärtnerischer Nutzung zum Ziel hat, einmal jährlich durch Mahd gepflegt. Diese Pflegemaßnahme hilft zwar, die Flächen weitestgehend offen zu halten, ermöglicht jedoch bislang nicht die Entwicklung von artenreichen Wiesen. Auf Grund ihres Erscheinungsbildes werden die Flächen oftmals von den anliegenden Pächter*innen und Besucher*innen des Gebietes als Flächen ohne Nutzen wahrgenommen und werden daher in Folge häufig vermüllt oder als Stellplätze genutzt.

Entlang der Hauptwegeachsen in dem Projektgebiet sollen daher in den nächsten Jahren verschiedene Blühstreifen mit regionalem Saatgut angelegt werden. Vereinzelt sollen darüber hinaus auf ehemaligen Parzellen blühende Wiesen mit Aufenthaltsmöglichkeiten geschaffen werden. Informationstafeln werden die Bevölkerung für die Thematik sensibilisieren.
Des Weiteren sollen die Vereinsvorsitzenden und/oder Fachberater*innen der zehn ansässigen Kleingartenvereine zu dem Thema geschult werden, damit diese ihr neu erworbenes Wissen an die Pächter*innen weitertragen und zukünftig Wildblumenwiesen auch innerhalb der Parzellen entstehen.

Weitere geplante Maßnahmen zur Steigerung der Popularität von blühenden Wiesen und Blühstreifen sind die Auslobung eines Wettbewerbs für den schönsten Blühstreifen sowie die Verlosung von Saatgutmischungen auf dem Gebietssommerfest. Durch das Anlegen der blühenden Wiesen und Blühstreifen soll ein Beitrag zur Förderung der Biodiversität geleistet, die Aufenthaltsqualität gesteigert und die Vermüllung der brachgefallenen Flächen reduziert werden.

Zudem unterstützt der Senator für Umwelt, Bau und Verkehr insbesondere im Rahmen der „Richtlinie zur Förderung von gemeinnützigen Umwelt- und Naturschutz-projekten sowie von Projekten zur Bildung für nachhaltige Entwicklung“ entsprechende Projekte zur Extensivierung oder Anlage von Blühflächen im Grünland und zum Gärtnern in der Stadt (Urban Gardening) z. B.
– Offene Gartentore (Internationaler Garten Walle e. V., 2014)

– Gärtnern für Flüchtlinge des Übergangswohnheims Nordstr. in Walle (Internationaler Garten Walle e. V., 2015)
– Gemüsewerft Dock II (Gesellschaft für integrative Beschäftigung mbH, 2016)
– Essbare Stadt: Viele Urban Gardning Hot Spots für Bremen (ÖkoStadt Bremen e. V., 2016)
– Integrationsgärten
– Baustein einer nachhaltigen Entwicklung im Quartier (ÖkoStadt Bremen e. V., 2016- 2017)
– Stadtwirte in Übersee
– Added Values in Urban Farming (Gesellschaft für integrative Beschäftigung mbH, 2017)
– Kräuter
– Pferde
– Landschaftsschutz (Stiftung NordWest Natur, 2017 – 2018)“

Frage 2. Hält der Senat eine engere Zusammenarbeit mit dem Landesverband der Gartenfreunde und der Landwirtschaftskammer zur Förderung des ökologischen Gärtnerns für sinnvoll?  
Antwort des Senats: „Schon vor den unter Frage 1 genannten Projekten hat der Senat Aktivitäten des BUND Landesverbands Bremen e. V. und des Landesverbands der Gartenfreunde e. V. für mehr Naturnähe in Gärten und die Verwendung hochstämmiger Obstbäume durch-geführt.Im Rahmen des Projekts „Green Urban Labs“ strebt der Senat erneut die Zusammenarbeit mit dem Landesverband der Gartenfreunde e. V. und acht verschiedenen Kleingartenvereinen im Bremer Westen an.

Die Landwirtschaftskammer verfolgt grundsätzlich das Ziel, Betriebe des Erwerbsgarten-baus bei der Umstellung auf ökologische Produktion zu unterstützen. Allerdings gibt es nur wenige produzierende Gartenbaubetriebe in Bremen, von denen bisher einer das Bioland-Siegel führt. Im Rahmen ihrer Aufgaben bei der Ausbildung von Gärtnern aller Sparten kann die Landwirtschaftskammer auf entsprechende Qualifikationen hinwirken. Gemeinsam mit dem Imkereiverband hat sich die Kammer auf Messen und Ausstellungen mit Themen des Bienenschutzes präsentiert.
Im Rahmen dieser vorgenannten Aufgaben und für weitere Projekte in diesem

Sinne ist der Senat für eine engere Zusammenarbeit offen und erachtet diese als sinnvoll.“

Das komplette Dokument mit allen Antworten findet ihr hier in der „Drucksache des Senats 19/1494 vom 23.1.2018“
 

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Ein Frühlingsfest für Bienen

Hach, die erste Frühlingssonne mit ihren wärmen Strahlen ist mir willkommen! Nicht nur mir geht es so. Bienen und Hummeln treten ihre ersten Flüge im Jahr an und suchen nach nahrhaftem Futter. Mit Blütenpollen füllen sich die summenden Tierchen ihre Beutelchen an den zarten Hinterbeinchen. Bald schon sind sie so schwer beladen, dass sie kaum noch abheben können. Krokusse, Winterlinge und Schneeglöckchen bieten uns Menschen eine Augenweide. Und: Wir verhelfen den wichtigen Insekten mit diesen Blüten auch noch zu einem guten Start ins Jahr. Die schöne Krokuswiese auf dem Foto ist für Bienen ein Frühlingsfest vom Feinsten. Zur Nachahmung empfohlen!

Welche Frühblüher habt ihr als Nahrung für die Biene in eurem Garten oder auf dem Balkon?

 

Fotos: Kirsten Tiedemann

‚Wind zog auf‘ – Schau von Gabriela Oberkofler im Haus Coburg Delmenhorst

Es ist die Natur, die Gabriela Oberkofler Stoff für ihre künstlerische Arbeit liefert, so heißt es im Flyer zu Schau Wind zog auf. Angekündigte sind Zeichnungen „verlockender wie verstörender Naturstücke“ sowie Objekte, Videos und Soundarbeiten. Anlass genug, die Ausstellung in der Städtischen Galerie Delmenhorst – Haus Coburg zu besuchen und hier davon zu berichten. Mich zieht auch das temporäre Atelier der Künstlerin mit Bienen-Installation in einem Schrebergarten in der Graft und die Mitmachausstellung für Kinder im „Gewächshaus“ an.

Flyer mit Programm zur Schau von Gabriela-Oberkofler

HausCoburg_Oberkofler_Plakat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stetes Summen empfängt die Besucher*innen, sobald sie die Städtische Galerie Delmenhorst durch den Windfang betreten. Das dezente und gleichzeitig kräftige Summen gehört definitiv nicht zu einer Maschine, sondern klingt als stamme es von Insekten, und zwar von sehr, sehr vielen Insekten. Woher rührt das an- und abschwellende Summen, das einem in die Natur vertraut erscheinen würde und hier im Inneren des Hauses irritierend wirkt? Steht ein Fenster offen? Im Frühjahr höre ich manchmal ähnliche Töne, wenn ich unter einem großen, voll erbühten Obstbaum stehe – dann sind sie Warnung und ein Versprechen auf köstliche Früchte und süßen Honig. Das Geräusch erinnert mich aber auch ein wenig an einen ausgebüxten Bienenschwarm, der sich einmal nahe meiner Wohnung am Schornstein gesammelt hatte, vielleicht 10 Meter Luftlinie entfernt vom Balkon. Das Summen der abertausend fliegenden Lebewesen, die sich ständig in einer Traube mit wandelnder Form umeinander bewegten, hatte bedrohlich gewirkt.

Ausgewählte Eindrücke der vielfältigen Schau der italienisch-deutschen Künstlerin Gabriela Oberkofler (*1975 in Bozen) geben ich gern. Im Eingangsbereich hängt eine Serie von Miniaturzeichnungen einzelner Bienen, die an das Summen im Haus anknüpfen. Der rote Punkt neben den Titeln signalisiert, dass sie bereits verkauft sind. Der auf dem Plakat gezeigte Wolf ist eine lebensgroße Zeichnung des Tieres. Er scheint in sich zu ruhen und ist mit dem Betrachter auf Augenhöhe. Der Wolf scheint direkt auf den Betrachter zu zulaufen. Dieses Bild hat eine außerordentlich starke Wirkung auf mich. Eine Videoinstallation namens „Don Juan“, deren Hauptakteur ein humpelnder Hund ist, steht im krassen Gegensatz zum Wolfsmotiv. Von der Decke hängt mit dem Kopf nach unten ein detailreich, sorgfältig geschnitztes Rotkehlchen in Lebensgröße. Es ist an einem Fuß aufgehängt und erinnert mich an eine grausame Praxis früherer Jahrzehnte zur Abschreckung von Vögeln aus Obstbäumen. Vogelgezwitscher und das Gurren einer Taube ziehen meine Aufmerksamkeit zu einer Videoinstallation, die damit beginnt, dass die Künstlerin eine gefangene Taube in einen selbst gefertigten Vogelbauer setzt, um sie in die freie Natur zu bringen. Die Geschichte nimmt einen ganz anderen als den erwarteten Verlauf – und soll hier nicht vorweg genommen werden. Ausgestellt sind mehrere architektonische Variationen des im Video gezeigten Vogelbauers, die alle sorgfältig aus Kirschholzästchen gefertigt sind. Ein großes Bild, das auch den Ausstellungsflyer ziert, kann überbordende, wallende Blütensträucher darstellen, ähnlich des Goldregens. Auf dem Bild sind es gelbe und rote Blüten. Bei näherer Betrachtung stellt sich überraschenderweise heraus, dass es (aber)tausende von kleinen, gezeichneten Bienen sind aus denen das Motiv wesentlich besteht. Über welch eine Geduld die Künstlerin neben ihrem Können verfügen muss, um dieses Bild zu schaffen! ‚Emsig wie eine Biene‘ kommt mir als Beschreibung in den Sinn. Reizvoll finde ich übrigens, dass Gabriela Oberkofler extra für die Ausstellung verschiedene Bezüge zur Stadt Delmenhorst erarbeitet hat. Die Städtische Galerie ist für die vielseitige Künstlerin nicht nur ein leerer Raum, in dem sie ihre Exponate arrangiert, sie bespielt die vorhandenen Räume vielmehr, diese werden teilweise zum Bestandteil der Schau. Einige Aspekte auch der örtlichen Natur werden von Gabriela Oberkofler transformiert und punktuell nach innen geholt. Der Wasserstand der Graft wurde in einem Raum auf die Wände „aufgetragen“, Totholz von der Graftinsel findet sich als Installation im Wintergarten und das Summen vieler Bienen, das in allen Räumen zu hören ist, stammt aus der Natur. Besonders dieses Summen (und das Vogelgezwitscher der Videoinstallation) scheint  die Grenze zwischen Innen und Außen verschwimmen zu lassen.

Gabriele Oberkofler formt in ihrem vielseitigen Werk Eindrücke, die jenseits einer verklärenden Naturidylle liegen. Die genau beobachtende, vielfältig talentierte Künstlerin greift vielmehr fragile und zarte Seiten von Natur auf, deutet eine (mögliche) Bedrohung durch Natur an, stellt den Aspekt zur domestizierten Natur her und verweist auf das Nährende durch sie. Gezeigt werden die in der Ankündigung treffend versprochenen verlockenden wie verstörenden Naturstücke in der sehenswerten Schau.

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Mein Ausflug führt mich nun ins „Gewächshaus„, direkt neben der Städtischen Galerie, in dem begleitend zur Schau individuelle Werke von Kinder entstehen und ausgestellt werden. Das „Gewächshaus“ erhält hier nochmal eine neue Bedeutung, hier wird das Wachsen der Kreativität heranwachsender Kinder gefördert. Wer Oberkoflers Schau besucht, sollte sich unbedingt Zeit für die sehenswerten Bilder nehmen.

Im Garten des Hauses Coburg läßt sich hinter einem von Kindern angelegten Blumengebiet (!) die auf dem Foto gezeigte Bieneninstallation, die Gabriela Oberkofler mit zwei echten Bienenvölkern des Imkers Uwe Roselieb kreiert hat, betrachten.Stechgefahr

Jetzt zieht es mich noch zur Delmenhorster Graft, eine überraschend schöne Parklandschaft in der Delmenhorster Innenstadt mit hochgewachsenen alten Bäumen und blühenden Rhododendren rund um die Graftinsel, wo sich in einem der letzten, versteckt liegenden Schrebergärten das „Schwalbennest“, das mobile Atelier der Künstlerin befinden soll. Auf der Graftinsel liegen mehrere Haufen sorgfältig geschichteter toter Äste. War dabei die Hand der Künstlerin im Spiel oder hat sie sich hier für ihre Installation im Wintergarten Material und Inspiration geholt? Graftanlage

Rhodo_Graft_bearbInmitten alter Bäume und hinter einer hohen, frisch belaubten Hainbuchenhecke entdecke ich schließlich den verwunschenen Garten (Öffnung nach Vereinbarung) und bin einigermaßen verblüfft. Es ist ein wenig so als stünden im Bürgerpark Kleingarten-Parzellen. Hinter der Hecke schimmert das „Schwalbennest“ durch und Oberkoflers summende Bienen-Installation „Roseliebsche Beute“. Der Spaziergang durch diese großzügige Parklandschaft ist ein gelungener Abschluss des lohnenswerten Ausstellungsbesuchs. Die Schau läuft noch bis zum 5. Juni 2015.Graft_bearb

 

edit: 22.4. 15.00 Uhr