Kaisenhäuser bleiben als Gartenhäuser – historische Debatte als Podcast hören

Es war eine historische Debatte in der bremischen Stadtbürgerschaft. Am Dienstag vertrat die Regierungskoalition die Kurskorrektur im Umgang mit Kaisenhäusern in den Parzellengebieten der Stadt überzeugend: Intakte Kaisenhäuser dürfen nun nach dem Auslaufen bestehender Wohnrechte (Kaisenauswohner/ Kudelllaauswohner) weiterhin als Gartenhäuser genutzt werden. Neu ist auch, dass Ehepartner von Auswohnberechtigten nun in das Auswohnrecht einbezogen werden können.

Heute stelle ich in einem ersten Teil eine Zusammenfassung der Beiträge der Antragstellerin der Linksfraktion, Claudia Bernhard, vor und die Reaktion der zuständigen Vertreterin von B´90/Grüne, Maike Schaefer. Weiterlesen

„70 Jahre in einem Kaisenhaus“ – notwendige Ergänzung zum WK

Der Weser-Kurier bewegt sich in Sachen Kaisenhäusern. Am Dienstag erschien ein anschaulicher Beitrag über Marta Allmers, die 70 Jahrzehnte im Kaisenhaus, das sie gemeinsam mit den Eltern aufgebaut hat, gelebt hat. Die heute 82jährige ist darin aufgewachsen und hat bis vor kurzem im Parzellengebiet gewohnt.

Der Artikel bedarf jedoch einiger notwendiger Ergänzungen:

1) Nachdem ein auswohnberechtigter Mensch sein Kaisenhaus verlassen hat, darf es leider – anders als im Beitrag angegeben – nicht mehr bewohnt werden. Bis zum Abriss darf es zurzeit maximal als Laube genutzt werden, mit gelegentlichen Übernachtungen.

2) Ein Kaisenhaus wird nicht automatisch von der Behörde auf die Abrissliste gesetzt. Dafür müssen die Eigentümer es ausdrücklich bei der Behörde anmelden. Das machen sie, weil sie die Abrisskosten nicht selbst tragen können oder wollen, oder weil sie von der Behörde massiv dazu gedrängt werden. Hätten die Besitzer die Möglichkeit, würden viele ihr Eigenheim gerne behalten, es an die Kinder weitergeben, es vererben oder veräußern.

3) Zum Glück hat Frau Allmers ausreichend Mittel zur Verfügung, um ihren Alterswohnsitz zu finanzieren. Ansonsten würde das zuständige Amt sie oder ihre Kinder nachdrücklich auffordern: „Sie besitzen ein Haus? Warum steht das leer? Vermieten oder verkaufen sie es, um das Pflegeheim zu bezahlen!“ „Was sagen Sie, dass geht nicht? Das glaube ihnen, wer will. Das kann nicht sein!“ Genau so ist es anderen Menschen bereits ergangen.

… und schließlich stellt sich 4. die Frage) Warum nahmen die Eltern von Frau Allmers auch die Großeltern, Onkel und Tante in ihr Haus auf? Warum haben so viele Menschen über so einen langen Zeitraum auf beengtem Raum in einem kleinen Wohnhaus auf einer Parzelle gelebt? Warum nahmen soviele Menschen die ständigen Kontrollen durch und Konflikte mit der Baupolizei und der Baubehörde auf sich? Weiterlesen

Sympathien für Kaisenhäuser als Teil Bremer Geschichte [Leserbrief]

Viele Bremerinnen und Bremer haben große Sympathien für die Bewohner der kleinen Eigenheime mit ihrer besonderen Gartenwohnkultur und für deren Geschichte, die bereits weit über ein halbes Jahrhundert reicht und eng der Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie in Bremen verknüpft ist. Das zeigt sich am großen Interesse an der Aktion „Brief an den Bürgermeister“ , an der man sich weiterhin beteiligen kann. Die große Mehrheit der Leserbriefe, die der Weser-Kurier erhält, sind ebenfalls von dieser Sympathie getragen.

Weser-Kurier 2.8.2014

Weser-Kurier 2.8.2014

taz.bremen: Friede den Hütten

Friede den Hütten, das ist für viele Bewohnerinnen und Bewohner von Kaisenhäusern wünschenswert. Zum Stand der Diskussion erschien heute ein Beitrag in der taz.Bremen.

Ich plädiere für die ausnahmsweise dauerhafte Bestandssicherung der verbliebenen noch bewohnten Kaisenhäuser in den Kleingartengebieten mit einem dauerhaften Wohnrecht entlang ihrer historischen Enwicklung; eine parzellenscharfe Festsetzung in den auf vielen Ebenen bedeutsamen Kleingartengebieten. Diese Möglichkeit besteht für Naherholungsgebiete unter bestimmten Voraussetzungen, wie das Bundesverwaltungsgericht festgestellt hat, obwohl das Wohnen in diesen Gebieten generell verboten ist. Kleingartengebiete sind auch Naherholungsgebiete, so heißt es im Bundeskleingartengesetz von 1983 in der Definition, dass der Kleingarten „… dem Nutzer (Kleingärtner) zur nichterwerbsmäßigen gärtnerischen Nutzung, insbesondere zur Gewinnung von Gartenbauerzeugnissen für den Eigenbedarf, und zur Erholung dient (kleingärtnerische Nutzung).“ BKleinG §1.1

taz.bremen 25.6.2014

taz.bremen 25.6.2014

Hoffnung für Kaisenhäuser?! Zu einem Urteil des Leipziger Bundesverwaltungsgerichts

Kann ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts Leipzig sich auf den dauerhaften Erhalt der letzten noch verbliebenen Kaisenhäuser in den Parzellengebieten unserer Stadt auswirken? Auf jene Häuser, die teilweise bereits seit 70 Jahren existieren und per Dienstanweisung Nr. 286 von 1974 des Senators für das Bauwesen so lange geduldet werden, wie ihre Erbauer und Besitzer dort leben. Jene Einfamilienhäuser ganz unterschiedlicher Größe und Qualität, die nach dem Ableben ihrer Besitzer weder vererbt noch verkauft werden dürfen, sondern abgerissen werden müssen, weil Wohnhäuser und das Wohnen in Kleingartengebieten verboten sind. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 11. Juli 2013 (Aktenzeichen BVerwG 4 CN 7.12), das Spielräume in der Nutzung von Sondergebieten in Bebauungsplänen beschreibt. *Das Urheberrecht für diesen Beitrag liegt wie üblich bei mir, die gängige zitierweise ist bei Verwendung hieraus anzuwenden.

Wie lautet das Urteil? Anhand des Erholungsgebietes „Sonnenhalde“ in Ostfildern bei Stuttgart entschieden die Richter des höchsten bundesdeutschen Verwaltungsgerichts, dass die Festsetzung eines Sondergebiets, das eine Kombination von Wochenendhausgebiet und Dauerwohngebiet vorsieht, grundsätzlich unzulässig ist. Es geht aber noch weiter, und hier kann es für Bremens Kaisenhäuser interessant werden, denn die Richter stellen fest, dass eine bloße Bestandssicherung der vorhandenen Wohnbebauung durch entsprechende Festsetzungen in einem Bebauungsplan, der ein Wochenendhaus-Sondergebiet ausweist, möglich ist, wenn die Wohnbebauung gegenüber der Wochenendhausbebauung von ihrem Erscheinungsbild in den Hintergrund tritt. Vorhandene, allerdings bislang nicht für ein dauerhaftes Wohnen genehmigte oder geduldete Nutzungen, fallen nicht unter diese Ausnahmeregelung. Die Festsetzungen von Ausnahmen sind an bestimmte Voraussetzungen geknüpft, die weiter unten beschrieben werden.

Worum geht es in dem Urteil? Die „Sonnenhalde“ ist heute ein Wochenendhausgebiet. Die Richter machen deutlich, dass die Gesetzeslage es erlaubt, Ausnahmeregelungen für Wohnbebauung für Gebiete zuzulassen, die im Bebauungsplan als Sondergebiet für Erholung ausgewiesen sind, und zwar, obwohl eine Wohnbebauung und damit verbundenes dauerhaftes Wohnen dort rechtlich generell nicht vorgesehen ist. Die Kommunen erhalten mit diesem Urteil Handlungsspielräume im Umgang mit genehmigten und geduldeten Gebäuden, die bisher zu entfernen (d.h. abzureißen) bzw. rückzubauen waren. Die obersten Verwaltungsrichter in Leipzig formulieren dazu folgenden Leitsatz:

„1. § 10 Abs. 2 Satz 1 BauNVO ermöglicht es, in einem Sondergebiet, das der Erholung dient, vorhandene gebietsfremde Bauvorhaben (hier: Wohngebäude) durch Festsetzungen zu sichern. Voraussetzung dafür ist, dass das gesamte Plangebiet trotz der bestandssichernden Festsetzungen sein Gepräge als Gebiet zu Erholungszwecken wahrt.“

Die zentrale Voraussetzung für solch eine „besondere bestandssichernde Festsetzung“ sei laut Gericht, dass die Wohngebäude den Erholungscharakter des Gebietes nicht beeinträchtigen. Es dürfe kein diffuses Mischgebiet entstehen: „Allerdings ist eine bloße Bestandssicherung von Wohnbebauung erlaubt, wenn sie quantitativ und qualitativ so in den Hintergrund tritt, dass die Wochenendhausbebauung das Bild prägt und das Baugebiet nicht als Mischung aus einem Wochenendhausgebiet und einem Wohngebiet in Erscheinung tritt.“ heißt es zusammengefasst in der Pressemitteilung des Bundesverwaltungsgerichts zum Urteil. Es wird im Urteil beschrieben, wie eine mögliche „Beeinträchtigung“ festgestellt werden kann: Entscheidend hierfür sei das Verhältnis der freizeitlich genutzten Gebäude zu denen der Wohngebäude im betreffenden Gebiet, die Verteilung der Wohngebäude im Gebiet und deren Größe. Auch die Lärmfrage spiele eine Rolle. Die Wohnhäuser dürften in dem betreffenden Erholungsgebiet nicht den Ton angeben. (Punkt 20 in der Urteilsbegründung). Das ganze Urteil lesen Sie hier: BVerwG 4 CN 7.12. Eine knappe verständliche Zusammenfassung veröffentlicht die Kanzlei „avocado“ hier, http://www.avocado.de/fileadmin/avocado-law.de/downloads/131212_Planen_und_Bauen.pdf, siehe S. 9 ff.

Die Geschichte der Wohnhäuser der „Sonnenhalde“ in Ostfildern, an dessen Beispiel dieses Urteil gefällt wurde, ist für Bremens Kaisenhäuser so interessant, weil deren Entstehungsgeschichte verblüffende Parallelen zu den Parzellenwohnhäusern unserer Stadt aufweist. Bei Ostfildern entstanden wie in Bremen seit den 1930er Jahren, besonders aber seit 1944 und in der Nachkriegszeit Wohnhäuser in Erholungsgebieten. Dies geschah ungeordnet und teilweise illegal, ohne Baugenehmigung. Grund hierfür war der massive, anhaltende Mangel an Wohnraum in den Städten durch Kriegseinfluss. Bei Ostfildern schufen sich Menschen aus Stuttgart im Gebiet „Sonnenhalde“, einem Gebiet mit starker Hanglage auf dem früher einmal Wein angebaut wurde und Streuobstwiesen lagen, ein Dach über dem Kopf; in Bremen nutzte man hierfür Parzellen in allen städtischen Kleingartengebieten. Der Bestand reicht in der „Sonnenhalde“ vom großzügig angelegten, ständig bewohnten Landhaus und von sonstigen Wohngebäuden über Wochenend- und Gartenhäuser bis zu Geräteschuppen und Unterständen. Ähnlich lässt sich der Gebäudebestand in Bremens Kleingartengebieten beschreiben. Dass 1958 in der Waller Feldmark in Bremen sogar eine Notkirche für die Parzellenbewohner errichtet wurde, dürfte bundesweit einmalig sein. Hier wie dort gab es eine „zweite Wohnwelle“, die in Bremen bereits in den 1970er Jahren begann, in der „Sonnenhalde“ Mitte der 1980er Jahre. Dieses erneute illegale Wohnen wurde in Bremen bereits beendet. In den betreffenden Gebieten beider Städte wird die dauerhafte Nutzung der Wohnhäuser der „ersten Wohnwelle“, wie ich es nenne, teilweise bereits seit 70 Jahren und mehr geduldet. In Bremen gab der amtierende Bürgermeister Wilhelm Kaisen den Parzellenbewohnerinnen und -bewohnern im Rahmen von Sanierungsplänen für zeitweise dicht besiedelten Kleingartengebiete 1955 das Versprechen, dass sie zeitlebens in ihren Häusern bleiben könnten. Daraus ging die umgangssprachliche Bezeichnung „Kaisenhäuser“ hervor. Kaisens Versprechen wurde in der Regierungszeit von Hans Koschnik vom Senator für das Bauwesen Hans-Stefan Seifriz mit der Dienstanweisung Nr. 286 vom 28.5.1974 schriftlich fixiert. Damit liegt seit nunmehr 40 Jahren eine dokumentierte, behördeninterne Duldung vor. Mit der Rahmenvereinbarung für die Sanierung der Kleingartengebiete vom 16.4.2002 wurde diese Duldung der Parzellenwohnhäuser, die bis zum 28. Mai 1974 bestanden, noch einmal erneuert. Die Gruppe der sogenannten „Auswohnberechtigten“ wurde mit der Vereinbarung sogar erweitert. Heute ist die „Sonnenhalde“ eine parkähnliche Anlage mit Baumbestand, unbefestigten Wegen, ohne Straßenbeleuchtung. Bremens Kleingartengebiet sind sogenannte Kleingartenparks und zählen zu den öffentlichen Grünflächen der Stadt, die für alle Bremerinnen und Bremer zugänglich sind. In Ostfildern können die seit Jahrzehnten im Gebiet „Sonnenhalde“ geduldeten und auch die genehmigten Häuser mit dem Urteil des obersten Verwaltungsgerichts eine dauerhafte Bestandssicherung erhalten. Später dort hinzugekommene, illegale Wohnbauten werden mittels zumeist langfristig laufender Verträge mit den Eigentümern zu Wochenendhäusern umfunktioniert. Sie müssen auf ein zulässiges Maß rückgebaut werden.

Kann dieses Urteil Bedeutung für Bremens Kaisenhäuser haben? Für Bremen muss nun geklärt werden, ob der genannte Leitsatz auch auf ausgewiesene Kleingartengebiete Anwendung finden kann. Sind die Weichen auch zur Schaffung einer rechtmäßigen, dauerhaften Bestandssicherung der Kaisenhäuser durch parzellenscharfe Abgrenzung mit dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts gestellt? Vielleicht bedeutsamer noch wird es sein, ob sich in Senat und Bürgerschaft der politische Wille und eine Mehrheit zum Erhalt der letzten noch verbliebenen, traditionsreichen Häuser herausbildet, jene Häuser, die Ausdruck für einen starken, eigensinnigen Überlebenswillen der darin lebenden Menschen sind. Es ist an der Zeit die Gebiete in sauberer Abwägung planungsrechtlich so zu regeln, wie sie historisch entstanden sind, einschließlich der bestandsrechtlichen Festsetzung der Parzellenwohnhäuser zur dauerhaften Wohnnutzung, wie sie seit vielen Jahrzehnten von Stadtverwaltung und Grundstücksbesitzern geduldet wird. Möglicherweise werden einige Bewohnerinnen und Bewohner einen Musterprozess zur gerichtlichen Klärung des Sachverhaltes anstreben, sollte dies nicht geschehen. Ein Ende des Tauziehens um das „Wohnen auf der Parzelle in Kaisenhäusern“ scheint jedenfalls nicht in Sicht.

Dank!
Mein besonderer Dank gilt der Interessengemeinschaft der Parzellenbewohner und Gartengrundstücksbesitzer e.V./kurz: Interessengemeinschaft der Parzellenbewohner, die mich freundlicherweise auf dieses Urteil aufmerksam gemacht hat. Für die freundliche Gesprächsbereitschaft und die Fachinformationen bedanke ich mich außerdem herzlich bei Herrn Stefan Rothe, Baurechtsexperte der Stadt Ostfildern.

 

Nachsatz

Eine knappe verständliche Zusammenfassung veröffentlicht die Kanzlei avocado Köln unter folgendem Link: http://www.avocado.de/fileadmin/avocado-law.de/downloads/131212_Planen_und_Bauen.pdf, siehe S. 9 ff.

Hier gibt es eine einfach Zusammenfassung.

Der Städte- und Gemeindebund Nordrhein-Westfalen weist in seinen Mitteilungen öffentlich auf dieses Urteil hin.

Für diejenigen mit näherem Interesse, sind Aktenzeichen der Urteile und die Daten ihrer Verkündung, hier verlinkt.

BVerwG 4 CN 7.12 – Urteil vom 11. Juli 2013

Vorinstanz:
VGH Mannheim 8 S 938/11 – Urteil vom 27. Juli 2012

BVerwG 4 CN 8.12 – Urteil vom 11. Juli 2013

Vorinstanz:
VGH Mannheim 8 S 233/11 – Urteil vom 27. Juli 2012

Siehe auch meinen Beitrag: „Wohnen auf der Parzelle? Was seit Januar 2013 geschah“

Amerikaner vor Ort

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Wer Interesse an der unmittelbaren Nachkriegszeit in Bremen hat findet dazu grund-legende und umfangreiche Informationen in der historischen Dissertation von Anna-Maria Perdon „Amerikaner vor Ort“, die 2010 als Band 70 der Veröffentlichungen aus dem Staatsarchivs Bremen erschienen ist.

Bremen war von 1945 bis 1949 amerikanische Enklave, eine amerikanische Insel inmitten des von der britischen Armee besetzten Nordwestdeutschlands. Dass der Bremer Hafen nach dem Zweiten Weltkrieg das logistische Drehkreuz der Amerikaner in Europa war, machte Bremen zu einem Besatzungsstandort mit besonderem Stellenwert. Hier wurde die Wechselseitigkeit der Beziehungen zwischen Besatzern und Besetzten deutlicher als an anderen Orte, bilanziert die Autorin. Im Hafen profitierten Bremer bald von den Aufbau- leistungen der Amerikaner, die einerseits deren Eigeninteressen dienten und andererseits die guten Vorkriegsbeziehungen beider Völker wieder lebendig werden ließen. (S. 370 f)

Das erste Kapitel der chronologisch strukturierten Studie setzt bereits bei der amerika- nischen Planung der Besetzung ein, die seit Dezember 1944 mit der Bildung einer Task Force „United State Ports and Bases: Germany“ begann. Es handelt von den Wegen, auf denen die amerikanischen Militärs Bremen erreichten, von der Lage, in der die amerika-nische Militärmacht die Stadt und seine Bevölkerung vorfand, und reicht bis zur Etablierung der Besatzungsherrschaft und der Gründung des Bundeslandes Bremen.

Im zweiten Kapitel werden institutionelle und offzielle Kontakte thematisiert: Die schwierigen Bedingungen unter denen der Neuaufbau begonnen wurde, der Hafen als „Vorort von New York“, die Entnazifizierung einschließlich der Möglichkeiten die anfangs strengen Regelungen zu umgehen, das Fraternisierungsverbot und die kulturpolitischen Leistungen der Amerikaner, wie der Aufbau des Amerika-Hauses.

Der Alltagsgeschichte widmet sich die Autorin schließlich im letzten Kapitel. Sie untersucht hier drei zentrale Orte: Die Kneipe und Musikkultur als Rückzugsort, die Straße als öffentlicher Begegnungsraum von Besatzern und Besetzten war Ort für Konflikte zwischen beiden Akteursgruppen, der Kontakte von  GIs zu Bremerinnen, Tummelplatz für Kinder, Schwarzmarkt auch in umfangreichem Ausmaß, Gerüchte. Drittens nimmt sie das beschlagnahmte Wohnhaus ins Visier, das aufgrund der massiven Wohnraumknappheit neben der Entnazifizierung zu den größten Konflikten zwischen Siegern und Besiegten führte.

Anna-Maria Pedron lotet die wesentlichen Aktionsbereiche aus und analysiert sie konsequent in Bezug auf die Beziehung zwischen Besatzern und Besetzern. Damit ermöglicht sie, dass wir uns heute ein wesentlich deutlicheres Bild der Nachkriegszeit in Bremen machen können als bisher. Die Historikerin leistet mit ihrer gründlichen und gut lesbaren Dissertation einen wichtigen Beitrag zur Zeitgeschichte Bremens.

Die Qualität der Arbeit wurde von der Wittheit zu Bremen gewürdigt: Die Studie von Anna-Maria Pedron wurde mit dem Bremer Preis für Heimatforschung 2011 ausgezeichnet.

Die Publikation umfasst 404 Seiten, sie enthält eine umfangreiche Quellen- und Literaturliste, Kartenmaterial, 12 Abbildungen und ein Personenregister. Sie ist im Staatsarchiv Bremen erhältlich und im Handel bestellbar. ISBN 978-3-925729-65-2

Ein Interview mit Anna Maria Pedron gibt es von buten und binnen hier klicken.

Was sind Kaisenhäuser?

Kaisenhaeuser+GartenHufeisenweg

Beispiel für ein Kaisenhaus in Bremen.                                           Foto: Kirsten Tiedemann

Um welche Art von Häusern handelt es sich, wenn von Kaisenhäusern gesprochen wird? Wo sind sie zu finden, was ist das Besondere an ihnen und vor allem: Warum werden sie Kaisenhäuser genannt?

Kaisenhäuser ist die umgangssprachliche Bezeichnung für Wohnhäuser auf den Parzellen in allen Kleingartengebieten der Hansestadt Bremen. Die Häuser wurden während der massiven Wohnungskrise zwischen 1944 und etwa 1965 von privater Hand errichtet, sukzessive erweitert und modernisiert, obwohl das Wohnen auf der Parzelle, wie die Kleingärten hier genannt werden, verboten war und ist. Man kann sicher davon ausgehen, dass mehr als 12.000 Gebäude entstanden, die von circa 80.000 Menschen bewohnt wurden. Heute gibt es noch etwa 1000 dieser Gebäude.

Anfangs waren die dürftigen Unterkünfte in der unmittelbaren Kriegs- und Nachkriegszeit von ihren Bewohnerinnen und Bewohnern als Notbehelf zur Überwindung der Obdachlosigkeit gedacht, doch aufgrund der lang anhaltenden, massiven Wohnungskrise verselbständigte sich das Wohnen auf der Parzelle zur dauerhaften Gartenwohnkultur mit bescheidenem Wohlstand. Die Wohnungskrise war bedingt durch die großflächige Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg und den erheblichen Wachstum der Bevölkerung seit der Nachkriegszeit bis 1970. In Eigenregie der Bewohnerinnen und Bewohner entstanden eigene Quartiere in den Kleingartengebieten der verschiedenen Stadtteilen mit Geschäften, Kneipen und sogar einer Kirche in der Waller Feldmark. Durch diese Stadtentwicklung von unten wurde die Stadtverwaltung hinsichtlich ihrer großen Probleme bei der Unterbringung ihrer Einwohner massiv entlastet.

Kennzeichnend für Kaisenhäuser ist eine Do-it-yourself Architektur mit diversen Anbauten unter Verwendung unterschiedlicher auch recycelter Baumaterialien. Es handelt sich um Gebäude mit ganz unterschiedlichen Grundrissen und Dachformen, meist ohne Keller sowie mit maximal einem Obergeschoss.

Der Name Kaisenhäuser bezieht sich auf Bürgermeister Wilhelm Kaisen (Regierungszeit 1945-1965). Im Rahmen von Sanierungsplänen für die Kleingartengebiete der Stadt, deren Ziel es war die Gebiet wieder zu reinen Freizeitgebieten zu machen, versprach der Bürgermeister der Aufbaugeneration 1955 ein lebenslanges Wohnrecht . Das Wohnen auf der Parzelle blieb dennoch umstritten. Trotz der mit dem Versprechen verbundenen Duldung ihrer Wohngebäude, erfuhren die Parzellenbewohner immer wieder Druck von Seiten der städtischen Verwaltung. Aufgrund des Versprechens von Wilhelm Kaisen nannten die Parzellenbewohner ihre Häuser nun Kaisenhäuser, auch um im Kampf um die Verbesserung ihrer Lebensqualität, beispielsweise durch Hauswasseranschlüsse, und für die Legalisierung ihrer Häuser an den bedeutsamen Fürsprecher zu erinnern.

Das von Bausenatoren und Baubehörde immer wieder infrage gestellte Versprechen wurde 1974 von Bürgermeister Hans Koschnik und Bausenator Stefan Seifriz schriftlich fixiert (Dienstanweisung Nr. 268). Im Jahr 2002 wurden erneut Rahmenvereinbarungen für die Sanierung der Kleingartengebiete getroffen und ein erweitertes „Auswohnrecht“ festgelegt: Nun dürfen alle vor 1974 zugezogenen Bewohnerinnen und Bewohner einer Parzelle bis an ihr Lebensende bewiehungsweise bis sie sich abmelden auf ihrer Parzelle wohnen.

Eine umfangreiche Darstellung der Entwicklung von der Notunterkunft auf der Parzelle zur dauerhaften Gartenwohnkultur in den Kleingartengebieten Bremens und der stetig wieder aufflammenden Konflikte zwischen Bewohnern und städtischer Verwaltung finden Sie in meinem Buch „Mehr als ein Dach über dem Kopf – Bremens Kaisenhäuser“, das beim Weser-Kurier und im Handel erhältlich ist.

  • ISBN-10: 3938795395
  • ISBN-13: 978-3938795392