IG Parzellenbewohner bei Demo „Menschenrecht auf Wohnen“

Für den dauerhaften Erhalt von Kaisenhäuser, den kleinen Wohnhäusern in den Parzellengebieten unserer Stadt, engagiert sich die Interessengemeinschaft der Parzellenbewohner e.V. seit vielen Jahrzehnten. Die Gruppe nimmt an der Demonstration „Wohnen ist Menschenrecht“ am 23. März 2019 teil und macht auf die historisch gewachsene Gartenwohnkultur aufmerksam. Sie sagt, eine langfristige Rechtssicherheit – auch mit Wohnrecht – ist möglich und soll für die verbliebenen Kaisenhäuser endlich realisiert werden.

Hier die Presseerklärung im Wortlaut.

 

Als Interessengemeinschaft der Parzellenbewohner und Gartengrundstückseigentümer e.V. unterstützen wir die Demonstration des Aktionsbündnisses Menschenrecht auf Wohnen Bremen, die für Samstag, den 23. März 2019, angesetzt ist. Unsere Mitglieder haben wir zur Teilnahme an der Demonstration aufgerufen. Unsere IG setzt sich seit Jahrzehnten für die Legalisierung der Kaisenhäuser in Bremen und einen humanen Umgang mit Menschen, die ihre Parzelle zeitweise zum Wohnen nutzen wollen, ein.
Die Kaisenhäuser sind eine Besonderheit der Bremer Geschichte. In Folge der Kriegseinwirkungen entstanden in den Kleingartengebieten Bremens in der Nachkriegszeit tausende Wohnhäuser. Noch in den 60er-Jahren soll es bis zu 80.000 Parzellenbewohner gegeben haben, so die Historikerin Kirsten Tiedemann in ihrem Buch „Mehr als ein Dach über dem Kopf“.
Auch heute gibt es noch eine vierstellige Zahl an Kaisenhäusern, die dem Abrisswahn der Bremer Baupolitik vorerst entkommen sind. Seit 2015 gilt eine vorläufige Dienstanweisung an die Baubehörde, die die gängige Praxis der Zwangsabrisse wegen „illegaler Wohnnutzung“ beendet. Eine dauerhafte Legalisierung der Häuser ist jedoch nicht absehbar und auch in der Frage des Wohnnutzungsverbots bleiben Politik und Behörde auf ihrem alten Kurs.
Dabei sollte aus unserer Sicht gerade in diesen Zeiten der Wohnungsnot endlich der Mut gefasst werden, hier andere Wege zu gehen und den Kaisenhäusern endlich einen bestandssichernden Rechtsstatus samt Wohnnutzungsrecht zu gewähren. Es handelt sich um zahlreiche Häuser die mit Trinkwasser-, Strom- und Telefonanschluss sowie Abwassergrube direkt für eine Wohnnutzung geeignet wären. Viele weitere Häuser ließen sich mit einigem Sanierungsaufwand schnell in einen solchen Zustand versetzen. Baurechtlich bietet das Bundesverwaltungsgerichtsurteil BVerwG 4 CN 7.12 vom 11.07.2013 die Möglichkeit auch in ausgewiesenen Kleingartengebieten einzelne Parzellen mit Kaisenhäusern in den Bebauungsplänen im Rahmen von „Insellösungen“ zu legalisieren und mit Wohnnutzungsrecht auszustatten.
Die Wege sind da, noch fehlt der Wille. Wir hoffen sehr, dass in diesen Zeiten die Vernunft siegt und die Bremer Kaisenhäuser doch noch zu ihrem späten Recht kommen.

 

Der Vorstand der IG der Parzellenbewohner und Gartengrundstückseigentümer e.V.

Bremen, den 20.03.2019

Ein Kaisenhaus heute im NDR-TV

Mein TV-Tipp

„Aus der Not heraus – Willi Grützke wurde ausgebombt – heute lebt er mit seiner Frau Ursel immer noch in einem Kaisenhaus“ mehr im Weser-Kurier, 13.2.2019

Seine Geschichte ist Teil der Dokumentation „Ausgebombt– als die Städter aufs Land zogen“, die an diesem Mittwoch, 13. Februar 2019, um 21 Uhr, im NDR-Fernsehen zu sehen sein wird. mehr hier klicken 

 

 

 

„Laube – Liebe – Hoffnung“ & „Bremens Kaisenhäuser“ / Filme und Gespräch mit Zeitzeugin auf dem Frühsommerfest [Tipp]

Kleingärten und Kaisenhäuser sind fester Bestandteil der Parzellengebiete Bremens, in denen seit 100 Jahren und mehr gegärtnert wird. Dieser Gegenwart und Geschichte widmen sich die Kurzfilme  „Laube – Liebe – Hoffnung“  und „Bremens Kaisenhäuser … aus der Not geboren“, die ich euch am 3.6. ab 17.00 Uhr auf dem Frühsommerfest im Blocklandgarten (ehem. JVA Oslebshausen) vorstellen werde. War es früher für viele Menschen eine Notwendigkeit, eine Parzellen zu bewirtschaften und manchmal auch darin zu wohnen, so ist es aktuell eine Gartenlust mit verschiedenen Motivationen. Damals wie heute hebt der Garten die Lebensqualität. Im Anschluss an die Filme begrüße ich Marianne Berger als Gast. Mit ihr als Zeitzeugin zu den Anfängen der Kaisenhäuser spreche ich über den Aufbau und das Leben in so einem kleinen Wohnhaus in einem Kleingarten.

„Laube – Liebe – Hoffnung“ ist eine filmische Momentaufnahme der Vielfalt der Lust am Gärtnern auf der Parzelle. Es erzählen eine junge Familie, ein Öko-Gärtner, ein Imker, Fachberater und ein Ehepaar, das seit vielen Jahren im Garten lebt. (13 Minuten)

Von den Anfängen der kleinen Wohnhäuser, die heute noch vereinzelt in Kleingärten zu sehen sind, handelt die Ton-Bild-Collage „Bremens Kaisenhäuser … aus der Not geboren“. Historische Fotos aus privaten Alben verbunden mit O-Töne aus Interviews mit Zeitzeugen geben einen Einblick, wie die Menschen die beschwerlichen Anfänge meisterten – wie sie mit Schaffenskraft und Ideenreichtumg manch eine Hürde überwinden konnten, um sich in der Nachkriegszeit ein neues Zuhause zu schaffen, – damals als die Stadt keinen Wohnraum bot. (13 Minuten)

Anschließend freue ich mich Marianne Berger begrüßen zu dürfen, die als Zeitzeugin ihre Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend in einem Kaisenhaus in der Waller Feldmark mit uns teilen wird. Marianne Berger verbrachte ihre Kindheit und Jugend in dem kleinen Wohnhaus, das ihre Eltern aufgebaut hatten. Sie erinnert sich auch an das notwendige Miteinander jener Anfangsjahre in der Nachkriegszeit zum Beispiel für das Trinkwasser.

* Die Filme werden gezeigt mit freundlicher Genehmigung des Vereins Kaisenhäuser e.V./ Kaisenhausmuseum Bremen

Zukunft Kleingärten im Bremer Westen – Stadtgespräch in Findorff [Tipp]

Zukunft für Kleingärten im Bremer Westen (und Findorff, KT), diesem Thema nimmt sich das bewährte Veranstaltungsformat „Stadtgespräch“ im Klimacafé in der Münchner Straße 146 am Montag, 7. Mai, um 18:30 Uhr an. Ihr werdet von Projektleiterin Lisa Hübotter viele Informationen zum aktuell laufenden Modellprojekt „Green Urban Lab“ im grünen Bremer Westen (Waller Feldmark und Gröpelinger Parzellengebiet) erhalten – von dem in der Presse und auch hier auf meinem Blog mehrfach berichtet wird. Das Projekt des Bundes fördert 12 Modell-Vorhaben zur Pflege, Sicherung  und Entwicklung wichtiger grüner Freiräume in der Stadt – bei zunehmender urbaner Verdichtung ein zentraler Aspekt für unsere Lebensqualität. Auch angesichts des Klimawandels ein wesentlicher Aspekt für Städte. Als ökologische Nische für Vögel, Insekten, Pflanzen und Co kommt diesen Grünräumen eine immer größer werdende Bedeutung zu. Das umfangreichste dieser „Green Urban Labs“ ist der grünen Bremer Westen, dessen Entwicklung zu einem vielfältigen Naherholungsgebiet mit den vorhandenen Kleingärten, neuen Naschwiesen, Fahrradwegen, Laufparcours und vielem anderen mehr.

Im Anschluss an die Projektvorstellung wird mit der Umweltplanerin Lisa Hübotter, weiteren Gartenaktivisten aus Findorff und Walle und dem Publikum über Ideen zur Belebung freier Parzellen sowie Begehrlichkeiten der Bauwirtschaft an dem beliebten städtischem Grün diskutiert. Es wird auch gefragt, welche Vor- und Nachteile eine Umwidmung von Teilen der Kleingartengebiete in Wochenendhausgebiete haben würde. Moderiert wird der Abend von Ulf Jacob.

Eine Anmeldung ist erforderllich, da die Plätze begrenzt sind: info@klimazone-findorff.de

Stadtgespräch im Klimacafe – Zukunft Kleingärten im Bremer Westen

Im Bremer Westen entsteht ein Green Urban Lab! Auf rund 480 Hektar Fläche, 5 mal so groß wie die Innenstadt, liegt neben Findorff, Walle und Gröpelingen ein grünes Areal mit rund 4000 Kleingärten – viele davon sind verlassen und verwildert. Vielseitige Nutzungsformen sind gefragt, um den klassischen Kleingarten zu ergänzen und wieder Menschen in den Kleingarten zu locken. Doch die Kleingartenflächen wecken auch Begehrlichkeiten für eine Bebauung. Wie gelingt es, Kleingärten vor dem Hintergrund von Leerstand und Nutzungsaufgabe wieder attraktiver zu machen. Welche Chancen das Green Urban Lab bietet, welche Ideen oder Wünsche es in Findorff gibt und was möglich ist, darüber diskutieren wir mit Green Urban Lab-Projektleiterin Lisa Hübotter und weiteren Gartenaktivisten aus Findorff und umzu.

Treffpunkt: KlimaCafé – Münchener Straße 146 – Teilnahme kostenlos – Plätze sind begrenzt.

Infos unter www.lebeninfindorff.de

Anmeldung unter info@klimazone-findorff.de

Gedenken an die Reichspogromnacht 1938 am 9. November 2016 [Veranstaltungshinweis]

In Bremen finden am Mittwoch, 9. November im Gedenken an die Reichspogromnacht 1938 verschiedene Veranstaltungen statt zu der die verschiedenen Organisatoren alle Interessierten einladen. Die Reichspogromnacht jährt sich zum 78. Mal. In der Nacht auf den 10. November 1938 plünderten Nationalsozialisten und deren Helfer überall in Deutschland jüdische Geschäfte und Wohnungen, steckten Synagogen in Brand und ermordeten Menschen. Auch in Bremen wurden Geschäfte jüdischer Mitbürger geplündert und zerstört, die Synagoge und eine Gebetsstube in Brand gesteckt und die Bewohner und Pfleger eines jüdischen Altenheims auf die Straße in die Kälte getrieben und dort so wie viele andere malträtiert und gedemütigt. In Bremen wurden damals fünf Menschen im Rahmen der brutalen, rassistischen Aktion umgebracht. Weiterführende Informationen zun den Schrecken der Reichspogromnacht in Bremen und dem Terror der Nazi-Herrschaft mit historischem Bildmaterial finden sich bei Radio Bremen hier.

* 12.30 Uhr Gedenkstunde der Bremischen Bürgerschaft am Mahnmal Dechanatstraße Ecke Am Landherrenamt mit Kranzniederlegung.
Als Ehrengast spricht Professor Johannes Heil, Rektor der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg.

* 17.30 Uhr  Mit neuer Kraft gegen Antisemitismus
Diskussion mit Jan-Philipp Hein (Journalist Bremen) und Hermann Kuhn (DIG – Deutsch Israelische Gesellschaft) auf Einladung von Dr. Henrike Müller MdBB (Grüne) im „noon“ im Foyer Kleines Haus des Theater Bremen.
Der Eintritt ist frei.

* ab 18.00 Uhr „Heimat Europa“ – 19. Nacht der Jugend Begegnung & Diskussion mit umfangreichem kulturellem Programm (Tanz, Theater, Musik, Lesungen, Ausstellung u.v.a.m.) im Rathaus Bremen. Das Grußwort spricht Ehrengast Petra Rosenberg, die sich seit vielen Jahren in der Bürgerrechtsarbeit der deutschen Sinti und Roma engagiert.

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Guck‘ mal, ein Kaisenhaus in der Stadtmitte

Guck‘ mal, ein Kaisenhaus als Gartenhaus in einem Kleingartengebiet mitten in Bremen! Oder ist es einfach eine ziemlich gut erhaltene alte Laube? So oder so, es ist ein ansehnliches, individuelles Gartenhaus.

gelbeshaus_klFoto: Kirsten Tiedemann

 

Fleetkirche bleibt und sucht neue Besitzer

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Die Fleetkirche schmiegt sich in die Landschaft, 4. Juno 2016

Offenbar gibt es ein deutliches Interesse am Erhalt der Fleetkirche in Bremen, denn in der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) seien „einige“ eMails in der Sache eingetroffen, wie mir im grade geführten Telefonat gesagt wurde.

Und: Es gibt eine außerordentlich erfreuliche Nachricht, die ich euch sofort weitergeben will. Die BEK habe selbst zwar keine Verwendung mehr für dieses besondere Bauwerk in der Waller Feldmark, man sei aber im Gespräch über den weiteren Verbleib der Fleetkirche. Wasser und Strom seien abgestellt, die Pächter in ihre neue Bleibe gezogen. Einer Umnutzung stehe nichts im Wege und ein Verkauf – auch an einen Verein – sei möglich!

Spitzt eure Bleistifte für ein Nutzungskonzept, kratzt die Taler zusammen und bringt neues Leben in das ungewöhnliche Gebäude!

Ich freue mich sehr und bin gespannt darauf, was hier Schönes passieren wird.

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Rückansicht am 4. Juno 2016

Fotos: Kirsten Tiedemann

Mehr als ein Dach über dem Kopf – Bremens Kaisenhäuser

Grade gab es den schönen TV-Beitrag von Rut Hunfeld über „Schrebergärten mit Geschichte: Bremens Kaisenhäuser“ in der Nordtour von N3. Nun gebe ich für Interessierte, die mehr dazu lesen möchten, gerne den Hinweis auf mein Buch zur Geschichte der kleinen Wohnhäuser auf der Parzelle.bzb_Mehr als ein Dach über dem Kopf_Innen_Druckvorlage.indd

Zum Inhalt:

Von der Notunterkunft auf der Parzelle zur Wohnkultur im Garten

Vom stadtnahen Haus im Grünen träumen viele. Einige Menschen haben sich diesen Traum in den bremischen Kleingartengebieten scheinbar verwirklicht – obwohl das Wohnen in Kleingärten verboten ist. Die Erinnerung an die Entstehungszusammenhänge dieser Parzellenwohnhäuser mit eigenwilliger Architektur verblasst zusehends, denn die Gebäude verschwinden mit dem Ableben ihrer Bauherren aus den Kleingartengebieten. Die Historikerin Kirsten Tiedemann hat sich diesem bisher ungeschriebenen Teil der Bremer Geschichte angenommen.

Entstanden ist eine Studie zur Geschichte der Stadt aus sozial-, bau- und planungsgeschichtlichen Perspektiven. Sie betrachtet ihren Gegenstand aber in erste Linie aus Sicht der Bewohner und erst in zweiter Linie aus Sicht der planenden Institutionen und politischen Entscheidungsträger. Entstehungszusammenhänge und Wandlungen werden über einen Zeitraum von 57 Jahren ausgelotet.

In den Parzellengebieten Bremens entwickelte sich seit 1944 eine eigenwillige Bau- und Wohnkultur, deren Ursprung heute kaum noch bekannt ist. In der Notsituation der Kriegs- und Nachkriegszeit, als 61 Prozent des Wohnraums der Stadt zerstört war, nahmen einige Menschen ihre Geschicke selbst in die Hand. Sie schufen sich in den Kleingartengebieten eine Wohnstätte – anfangs mit, später ohne Bauerlaubnis – und organisierten sich eine lebenswerte Umgebung. „Kaisenhäuser“ wurden diese Parzellenwohnhäuser genannt: eine Anspielung auf den früheren Bürgermeister Wilhelm Kaisen, der sich für ihre Bewohner eingesetzt hat. Eine zweite Wohnwelle in den Parzellengebieten, die in den 1970er Jahren einsetzte, wird in der Studie ebenfalls thematisiert.

Kirsten Tiedemann konnte neue Sachverhalte aufdecken, wie eine „stille“ Generalamnestie von 1955 für sogenannte „Schwarzbauer“ oder die Herkunft der Bezeichnung „Kaisenhäuser“. Letztere ist auf ein Versprechen Wilhelm Kaisens zurückführen. Erstmals beschreibt Tiedemann außerdem Erfolge und Scheitern des Lösungsmodells „Gartenheimgebiet“, mit dem man versucht hatte, einzelne bewohnte Parzellengebiete in reguläre Einfamilienhaus-Wohngebiete umzuwandeln.

Von der Tatkraft und Entschiedenheit der Bewohner, von ihrer Widersetzlichkeit und vom sich wandelnden politischen Umgang mit den von ihnen geschaffenen Fakten handelt das Buch.

 

Kirsten Tiedemann, Mehr als ein Dach über dem Kopf, Bremens Kaisenhäuser

Verlag Bremer Tageszeitungen, Bremen 2012

ISBN 978-3-938795-39-2, Preis: 16,90 €

Direkt beim Verlag hier bestellen.

Kaisenhäuser werden Weltkulturerbe der UNESCO

Unerwartete und überraschend ist eine Lösung für die Causa „Kaisenhäuser“ in greifbare Nähe gerückt. Ein Antrag auf Anerkennung als immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe ist auf dem Weg und hat sehr große Chancen, dass er in Kürze positiv beschieden werden wird.

Wissenschaftlich wird die Bedeutung von Bremens Kaisenhäuser bereits über die Landesgrenzen der Bundesrepublik hinaus erkannt. Parallel zum Schreiben an meinem historischen Sachbuch „Mehr als ein Dach über dem Kopf – Bremens Kaisenhäuser“ durfte ich einen Beitrag verfassen zur umfangreichen Ausstellung „Hands-on Urbanism 1860-2012. Vom Recht auf Grün“ der Kulturtheoretikerin Elke Krasny/Wien, in der sie über 20 Beispiele aus aller Welt aus Geschichte und Gegenwart zusammengetragen hat. 2012 war die Schau mit meinem Beitrag „Wohnen auf der Parzelle – Bremens Kaisenhäuser“ im Architekturzentrum Wien zu sehen. Im selben Jahr war Krasnys Ausstellung auf der Biennale in Venedig vertreten, seitdem reist sie als gleichnamigen Wanderausstellung in verschiedene Städte weiterer Länder (Leipzig/Bremen/Aarhus/Toronto/Washington u.a.). Kürzlich hatte ich das besondere Vergnügen, Andrea Kleist/Senior Urban Strategist, Melbourne/Australien auf einem Spaziergang einige geschichtsträchtige Kaisenhäuser in Bremens Parzellengebieten zu zeigen. Die Stadtplanerin Andrea Kleist und die Wissenschaftlerin Elke Krasny, beide interessieren sich für die komplexen Prozesse der Stadtentwicklung u.a. mit dem Focus auf partizipative Elemente und die von politischer Seite (gewollte oder) ungewollte Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an der Gestaltung städtischer Räume. Da Kaisenhäuser bereits seit 70 Jahren existieren, das Wohnen auf der Parzelle in Bremen sogar seit 90 Jahren, besteht die einmalige Chance, solch eine Entwicklung, die als Bestandteil individueller Lösungsstrategien auf eine massive Wohnungskrise mitten in Europa verstanden werden kann, über einen langen Zeitraum zu analysieren. Architektur- und Sozialhistoriker*innen finden hier ein attraktives Forschungsfeld.

Diese hohe Bedeutung legt die logische Schlussfolgerung nahe, dieses besondere kulturelle Erbe, das Bremens Kaisenhäuser ohne Frage darstellen, anzuerkennen und die letzten noch existierenden intakten Gebäude als historische Artefakte langfristig zu erhalten. Welcher Weg soll sinnvoller Weise eingeschlagen werden, um diese Wohnhäuser als zeitgeschichtlichen Bestandteil der DIY-Baukultur sogenannter kleiner Leute für künftige Generationen zu sichern? Erfreulicherweise wird die bisher unterschätzte Bedeutung nun auch von der Bremer Landesregierung erkannt. Die Spitzenpolitiker beschreiten daher nun einen geeigneten Weg: Ziel ist es dabei, Kaisenhäuser als immaterielles Weltkulturerbe anerkennen zu lassen. Die zuständigen Stellen in der Bremer Landesregierung und Verwaltung (Senator für Umwelt und Bau, Landesamt für Denkmalpflege sowie Bürgermeister und Präsident des Senats) reichen den entsprechenden Antrag bei der Kultusministerkonferenz der Länder ein. Vorgespräche lassen mit großer Wahrscheinlichkeit erwarten, dass der Bremer Vorschlag in die deutsche Vorschlagliste für immaterielles Weltkulturerbe an die UNESCO aufgenommen werden wird, denn Kaisenhäuser sind entscheidend von Wissen und Können der Erbauer getragen und bringen deren Kreativität und Erfindergeist zum Ausdruck. Kaisenhäuser sind identitätsstiftend. Es sind Produkte einer handwerklichen Kunst, die damit geschützt werden. Damit finden sie sich in der Definition der Formen immateriellen Kulturerbes der UNESCO wieder:

„Formen immateriellen Kulturerbes sind entscheidend von menschlichem Wissen und Können getragen. Sie sind Ausdruck von Kreativität und Erfindergeist, vermitteln Identität und Kontinuität. … Zu den Ausdrucksformen gehören Tanz, Theater, Musik und mündliche Überlieferungen wie auch Bräuche, Feste und Handwerkskünste.“ 

Von der Anerkennung der Kaisenhäuser als immaterielles Weltkulturerbe, und die damit verbundene Popularität, werden alle Beteiligten profitieren: Die Stadt Bremen wird um eine historisch bedeutsame Attraktivität reicher, mit der eine neue Zielgruppe von Touristen angesprochen werden kann. Die Kaisenhausbesitzer wissen sich rechtlich abgesichert und werden in den Erhalt der kleinen Wohngebäude investieren, da diese nach dem Auslaufen des Wohnrechts dauerhaft als Gartenhäuser genutzt werden können. Das Potential der kleinen Häuser als Gartenhäuser erkennen schon jetzt weitere Interessenten, wie ich kürzlich hier in meinem Beitrag „Kaisenhaus mit Zukunft“ vorstellte. Last but not least werden die Kleingartengebiete durch den neuen, international anerkannten, schützenswerten Status der Kaisenhäuser positive Aufmerksamkeit erhalten, wodurch auch die Kleingärten aufgewertet werden. Die Nachfrage nach Gärten wird ansteigen.

Die hohe kulturelle Bedeutung von Kaisenhäusern soll inzwischen auch von Mitgliedern im Landesverband der Gartenfreunde Bremen e.V. erkannt worden sein. Zwar fallen  offizielle Mitteilungen noch anders aus, aber gut informierte Kreise berichten, dass Mitglieder des Landesvorstands die weitsichtige Vermutung geäußert haben, dass ein Verfahren zur Anerkennung von Kaisenhäusern als Weltkulturerbe bald in Gang gebracht werden würde. Einer derart bedeutsamen Ehrung der regionalen Geschichte die fester Bestandteil des Kleingartenwesens ist, wird man sich nicht entgegen stellen werden. Man sei von der positiven Wirkung zum Wohle des Kleingartenwesens überzeugt, wird gesagt.

[Nachtrag vom 4.4.: Dieser Beitrag war ein Aprilscherz.]