Die Nissenhütte im Freilichtmuseum am Kiekeberg [Tipp]

Heute nehme ich euch mit zu einem Ausflug ins Freilichtmuseum am Kiekeberg. Mein Gartennachbar machte mich darauf aufmerksam, dass dort ein für Hamburg typisches Behelfsheim der Nachkriegszeit im Original zu erleben ist. Das ist für mich interessant, weil ich zur Geschichte von Kaisenhäusern und dem Wohnen auf der Parzelle in der Nachkriegszeit in Bremen geforscht habe. [Dazu hier mehr.]Landschaft

Das Museum liegt in Hamburgs Süden, wohin ich bei hochsommerlicher Wärme durch Wiesen und Wälder radle; für norddeutsche Begriffe ist es eine ziemlich hügelige Landschaft. Zum Museum gehört neben vielen historischen Hofgebäuden, einem Tanzsaal und dem modernen Schaumagazin auch eine Nissenhütte. Solch eine einfache Blechhütte war ein Behelfsheim, wie es in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg in der britisch besetzten Zone häufig genutzt wurde. In Bremen gab es davon damals ganze zwei Exemplare. Diese Art der Notunterkunft begegnetet mir in der Fachliteratur und historischen Krimis bereits mehrfach, nun lockt sie mich zu einem Ausflug ins Freilichtmuseum am Kiekeberg. Am Eingang werde ich mit einem Lageplan ausgestattet, mit dem ich mich auf den Weg ins großzügige Gelände mache – es sind immerhin 12 Hektar, da ist der Plan zweckmäßig. Viele Leute tummeln sich in dem abwechslungsreichen Gebiet, ohne dass es gedrängt wirkt. („Das verläuft sich“.) Auf einer Blumenwiese ruht ein Paar mit kleinem Kind auf einer Decke.

Nissenhütte_Dach

 

 

 

 

 

 

 

 

       Die Nissenhütte

Während des Ersten Weltkrieges sollte der kanadische Ingenieur Norman Peter Nissen, der als Offizier im Dienste der britischen Armee stand, eine provisorische Unterkunft entwerfen, die schnell auf- und abgebaut werden konnte. Das Ergebnis von 1916 war ein halbrunder, länglicher Bau aus einfachen Fertigteilen aus Wellblech mit einer Grundfläche von 40 Quadratmetern, den man nach dem Erfinder kurzerhand „Nissenhütte“ nannte. Sechs Personen können so eine Hütte in vier Stunden aufbauen. Der Name „Nissenhütte“ scheint mir übrigens recht unglücklich gewählt, denn schnell wurden Läuseeier mit dem Namen in Verbindung gebracht. Die ohnehin gebeutelten Bewohner solcher meist sorgfältig in Ordnung gehaltener Notunterkünfte kamen dadurch fälschlicherweise in den Ruf, nicht reinlich zu sein. Und was höre ich im Museum als ich vor dem Ausstellungsbau stehe? Ein dazu kommender Besucher las von einer Info-Tafel laut, „Nissenhütte“, vor und erklärte seinen Begleitern spontan, das hinge mit Haarläusen und Unsauberkeit zusammen. Nissenhütte_Eingang

Blickt man von der schmalen Seite auf den „Bau“, erinnert er an ein riesiges, halbiertes, liegendes Fass. Das Innere ist karg ausgestattet. Auf dem mit Dielen belegten Boden stehen ein Tisch mit zwei Stühlen und eine Bank, drei Betten, ein kleiner Ofen zum Kochen und Heizen sowie eine Kiste und ein schmaler Schrank zur Unterbringung von Kleidung und Haushaltsgegenständen. Die nackte Glühbirne verweist darauf, dass Anschluss an elektrischen Strom bestand. Fließendes Trinkwasser gab es jedoch nicht, stattdessen diente ein Eimer zum Wasserholen von einem zentralen, öffentlich zugänglichen Wasseranschluss, wie anfangs auch in Bremer Parzellengebieten an den sogenannten Zapfstellen. Eine Waschschüssel ersetzte Spüle und Waschbecken. Dieser Raum war Küche, Wohn- und Schlafzimmer und auch Waschraum zugleich. Ich frage mich, wo eine Toilette genutzt werden konnte und bleibe ohne Antwort. Wurde vielleicht von allen Bewohnern ein Eimer dafür genutzt? Hat man dafür eine Ecke im Raum mit einem Vorhang abgetrennt? Wo wurden die Exkremente entsorgt? Einen Kompost oder ein großes Stück Garten zum Ausheben eines Abortloches gab es nicht. Kam es zu Epidemien, beispielsweise Durchfallerkrankungen?

Die Temperaturen in der Wellblechhütte konnten im Winter bitterkalte Minusgrade und im Sommer brütende Hitze erreichen, da die Wände nicht gedämmt waren. Einem Sturm boten die Hütten zwar keine Angriffsfläche, der Wind pfiff aber sicherlich durch die Ritzen.

In der Regel war eine Nissenhütte mit bis zu zehn Menschen belegt, es waren zwei Familien oder Einzelpersonen. Dafür wurde der Raum durch eine einfache Bretterwand oder durch Vorhänge unterteilt. Wie lebten acht oder zehn Personen auf diesem engem Raum gemeinsam? Fast jede Lebensäußerung, Husten, Schnarchen oder Lachen muss im gesamten Raum und auch außerhalb der Hütte zu hören gewesen sein. Schritte und Gespräche vorbeigehender Passanten, Verkehrsgeräusche sowie das Prasseln von Regen und Hagel dringen direkt durch die dünne Blechwand in das Innere eines Behelfsheims. Solche Hütten standen damals häufig in großer Anzahl in Städten nebeneinander und nicht so idyllisch als Einzelobjekt unter Bäumen vor einer Wiese wie hier im Freilichtmuseum. Eine Privatsphäre kann es kaum gegeben haben. Wie fanden die Bewohner wohl etwas Ruhe? Gut vorstellbar ist, dass sie einerseits froh waren, überhaupt noch am Leben zu sein. Aber je länger das Wohnen in diesem Behelfsheim dauerte – es konnten Jahre werden -, desto stärker wurde vermutlich auch das Bedürfnis nach etwas mehr Privatheit.Nissenhütte_Innen2_dreh                                                                                                                                                                                                                           Im Ausstellungskonzept wird die frühere Aufteilung des Inneren als Zweiteilung aufgegriffen: Der vorderen Bereich setzt den karge Wohnalltag mit Original Exponaten anschaulich in Szene und veranschaulicht die Armut der hier lebenden Menschen. In Hamburg waren es übrigens laut Wikipedia zeitweise bis zu 14.000 Personen. Im hinteren Bereich erhalten Interessierte in kurzen, knackigen Texten, die mit historischen Fotos illustriert sind, Informationen dazu, wie, warum und wer in solchen Behelfsheimen lebte. Eine Vitrine beherbergt markante Einzelstücke. Auf einem Bildschirm sind Zeitzeugen zu sehen und zu hören, die von ihren manchmal abenteuerlichen Erfahrungen in einer Nissenhütte berichten, was diese Geschichte lebendig und greifbar macht.

Gekonnt berücksichtigten die Macher dieses Ausstellungsbereichs, dass in der von Armut und Lebensmittelknappheit geprägten Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg jeder Quadratmeter Erde genutzt wurde, um Gemüse anzubauen. Das war natürlich auch die gängige Praxis der Bewohner von Nissenhütten und so wachsen vor diesem Behelfsheim in einem „Gärtchen“ Salat, Kohlrabi und Saubohnen, die von Johanissbeersträuchern gerahmt werden. Man sollte sich jedoch darüber im Klaren sein, dass nicht jede Nissenhütte über Gartenland verfügte, und dass die Ernte keineswegs den Bedarf einer oder gar mehrerer Personen decken konnte.

Nissenhütte-Garten

 

 

 

 

 

 

 

 

Während des Schreibens an diesem Beitrag frage ich mich, welche Notunterkünfte heute eigentlich in den Krisengebieten der Welt eingesetzt werden. Sind es noch diese Hütten oder moderne Container? Ich schaue nach und erfahre, dass die Vereinten Nationen und das Technische Hilfwerk gegenwärtig Zelte als provisorische Behelfsheime verwenden. Für Flüchtlinge aus Ländern mit Bürgerkrieg oder nach Erdbeben und Flutkatastrophen werden daraus ganze Städte errichtet; aktuell leben in Jordanien 500.000 Menschen in einer einzigen provisorischen Zeltstadt (mit Luftbild). Das ist die Größenordnung der Stadt Bremen, was kaum vorstellbar ist. Dort herrschen sehr schwierige Umständen, die manch einen Menschen der älteren Generation an seine Erfahrungen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg mitten in Europa erinnern. /Excurs Ende/

Weitere Eindrücke aus dem Freilichtmuseum

Nun schlendere ich durch das weitläufige Gelände und komme an reetgedeckten bäuerlichen Gehöften, Stallungen und Nutzbauten verschiedener Jahrhunderte vorbei. Kinder flitzen durch die sorgfältig gestaltete Buxushecke eines Bauerngartens.

BauerngartenDazwischen liegen Wiesen, die mit geflochtenen Weidezäunen eingefasst sind, und Platz für Fallobst und alte Haustierrassen bieten. Eine schöne Anregung für den eigenen Garten. Weidezaun

Auf einer Koppel grasen Pommersche Gänse. Mit einem jungen Museumspädagogen ist eine kleine Gruppe von Grundschulkindern in einer Mitmachführung unterwegs.

Gänse

Ackerpferde kreuzen meinen Spaziergang.

PferdEs gibt kaum ein Gebäude, in das man nicht hineingehen kann. Überall läßt sich etwas entdecken, beispielsweise alte Kulturtechniken, wie die Vorratshaltung durch Einkochen von Obst und Fleisch, Einlegen von Gemüse und Ansetzen von Likör. Vorrat

Eine kurze Stippvisite führt mich ins Agrarium, wo ich schnell entscheide, mir das große Schaumagazin mit unzähligen Treckern und weitere Ausstellungen bei einem weiteren Besuch anzuschauen. Mit einer guten Tasse Kaffee im nostalgischen Garten des Museumsgasthofs unter Linden endet diese Reise in die Vergangenheit. Der Butterkuchen ist bereits ausverkauft, er scheint sehr beliebt zu sein.

Ich bin verblüfft über das umfangreiche, moderne Angebot des Freilichtmuseums am Kiekeberg und radle mit vielen Eindrücken von der Nissenhütte und aus der bäuerlichen Vergangenheit durch einen Buchenwald zum Bahnhof – zurück in meine urbane Gegenwart.

Fotos: Kirsten Tiedemann

7 Gedanken zu „Die Nissenhütte im Freilichtmuseum am Kiekeberg [Tipp]

  1. Pingback: Die NISSENHÜTTE – es gibt sie noch! | Ulrike Widmann • Fotografie

  2. Da hast du ein sehr interessantes Thema angeschnitten. Aus meiner Kindheit im Ruhrgebiet kenne ich auch die damals so genannten Nissenhütten, in der selben Metallkonstruktion. In meinem Wohnort standen noch Anfang der 60er Jahre ca. 4-6 davon an einem Feldweg am Ortsrand. Kinder, die dort wohnten, waren dadurch stigmatisiert. Wenn wir beim Sonntagsspaziergang mit den Eltern dort vorbeigehen mussten, war es für mich und meine Geschwister beklemmend. Wenn die Tür einer Hütte aufstand, schauten wir in ein finsteres Loch, und ich konnte mir damals nicht vorstellen, wie mehrere Menschen darin leben konnten. Nach meiner Erinnerung hatten die Bewohner keinen angemessenen Nutzgarten zur Verfügung. Gut, dass man heute so eine Hütte im Museum anschauen kann.

    • Danke für deine ergänzenden Informationen, die Erinnerungen aus deiner Kindheit, liebe Ulrike. Mir war nicht klar, dass solche Baracken über 15, vielleicht sorgar 20 Jahre bis in die 1960er Jahre ganzjährig als dauerhafte Wohnungen genutzt worden sind. Die Situation für Menschen, die in einem ausgebauten kleinen Steinhaus im 400-800 qm großen Garten lebten, war doch deutlich besser, scheint mir heute. Man kann froh sein, dass Nissenhütten im Museum stehen. Vielleicht interessiert dich ein Beitrag aus dem Weser-Kurier aus 2012 über eine Nissenhüttensiedlung in Husum, die bis in die Gegenwart genutzt wird – allerdings unter deutlich „nachgebesserten“ Bedingungen. Fast unglaublich. Hier der Link dazu.

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