Vogelhäuschensiedlung

Manche Vögel mögen die Gemeinschaft wird gesagt und das wissen manche Kleingärtner*innen, wie diese hier, die ihren gefiederten Freunden gleich eine ganze Wohnsiedlung anbieten. Der Strommast eignet sich hervorragend als Basis für die modernen, individuell gestalteten Häuschen. Die Türen sind wohlweislich zur windabgewandten Seite nach Ost-Nordost ausgerichtet, schließlich soll es im Schlafzimmer nicht ziehen. Diese Siedlung habe ich bereits im Winter entdeckt, wie an dem Schnee zu sehen ist, inzwischen werden darin sicherlich neue Nester gebaut.

Vogelhäusersiedlung

Vogelhäuser

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotos: Kirsten Tiedemann

 

„Kleingärtner haben viel zu tun“ – Zu einem Beitrag von buten und binnen

„Kleingärtner haben viel zu tun“, so titelt buten und binnen einen TV-Beitrag [zu sehen bei youtube hier klicken], besonders bei der Gemeinschaftsarbeit, die in den meisten Kleingartenvereinen für ihre Mitglieder obligatorisch ist. Und dank des TV-Beitrags vom Sonntag meinen wir nun zu wissen, welche Aufgaben in einem Kleingärtnerverein dazu gehören und wie so ein Dienst abläuft. An einem Samstag Vormittag wird angetreten, in einer Reihe stehen ausschließlich Männer, um sich Arbeiten zuteilen zu lassen. Es wird gebuddelt, gestrichen und ein Zaun gesetzt. Mit Klemmbrett und Stift in der Hand kontrolliert jemand, ob Sandkiste und Spielgeräte auf dem Kinderspielplatz noch intakt sind, damit es nicht zu Verletzungen kommt. Wer nicht kommt, muss zahlen. „Ordnung muss sein“, sagt der Vorsitzende. Einzig der kleingärtnerische Nachwuchs, Männer so um die 40, geben sich selbstironisch. Nach getaner Arbeit sitzen die Männer bei einem Getränk zusammen – auch das sei in der Satzung verankert, kommentiert die Journalistin und bedient ein weiteres Klischee, das über Kleingärtner herrscht.

Der Beitrag ließ mich einigermaßen iritiert zurück. Es wirkt als beschreibe er ein Relikt früherer Zeit. Ist es ein Aprilscherz? Nein, denn der Sendetermin war der 3. April. … also kein Scherz. Satire? Was vermittelt der Beitrag? Er scheint gängige Vorurteile über Kleingärtner und Vereine zu bestätigen. In dem gezeigten Verein scheint alles bis ins Detail geregelt, selbst das „gemütliche Beisammen-sein mit einem Kaltgetränk“ gäbe die Satzung vor. Der Beitrag suggeriert auch, dass die Gemeinschaftsarbeit im gezeigten Kleingärtnerverein von Männern zu erledigen sei und diesbezüglich das klassische Rollenmodell vorzuherrschen scheint. Man fragt sich: Was macht eine Kleingärtnerin ohne Mann? Ist es eine Revolution, wenn sie eine Schaufel in die Hand nimmt? Und: Ist der Eindruck zu verallgemeinern?

Ich weiß nicht, ob der Beitrag der Realität entspricht, oder ob Fragestellung und Auswahl des verwendeten Filmmaterials zum Zustandekommen des Eindrucks beigetragen haben. Ist er tatsächlich als Satire angelegt oder handelt es sich um eine Realsatire? Ich weiß aber, dass Gemeinschaftsarbeit in Kleingartenvereinen keine Besonderheit in der Vereinslandschaft darstellt. Für viele Vereine und Initiativen, die sich den unterschiedlichsten Themen widmen, ist die Gemeinschaftsarbeit ihrer Mitglieder eine wirksame Möglichkeit, um genutzte Gebäude (Halle/Theater/Kneipe) und Flächen kostengünstig Instand zu halten und zu pflegen. Zu denken ist beispielsweise an Sport-, Luftsport-, Segel-, Billiard-, Reitsport-, Bogensport-, Eltern-, Kultur- und Museumsvereine und andere.

Meine persönliche Erfahrung vom Ablauf der Gemeinschaftsarbeit, wie ich ihn als Pächterin eines Kleingartens erlebe, ist eine andere: Frauen und Männer sind in dem Verein, in dem ich gärtnere, gleichermaßen an den Terminen vertreten. In lockerer Atmosphäre werden die anstehenden Aufgaben genannt, untereinander verteilt und im Laufe des Vormittags abgearbeitet. Will eine Frau eine traditionell von Männern ausgeführte Aufgabe übernehmen, kann es tatsächlich schon mal sein, dass sie das durchsetzen muss. Es sei denn, sie ist von Berufs wegen qualifiziert (Handwerkerin/Landschaftsgärtnerin). Eine Frühstückspause kann gemeinsam verbracht werden; es steht jedem frei, die Frühstückszeit bei Bedarf separat zu nutzen. Einmal im Jahr treffen all die unterschiedlichen „Typen“ der Freizeitgärtner zusammen, der typische Kleingärtner, wie er im Buche steht, der Permakultur betreibende, diejenigen, die ökologisch Gärtnern, solche, die sich mit Freundinnen eine Parzelle teilen und all die anderen. Einen schönen Nebeneffekt hat die Gemeinschaftsarbeit, wie ich finde: Die Gartenpächter tauschen sich aus und neue Kontakte werden geknüpft. Schriftstellerin, Verkäufer, Restaurator, Rentnerin, Facharbeiter und Biologin, der Termin bietet die seltene Gelegenheit, während der Menschen der unterschiedlichsten Berufsgruppen zusammentreffen. Und nach vier Stunden ist es dann getan mit der Gemeinschaftsarbeit für das komplette Jahr.

April! April! Kaisenhäuser kein Weltkulturerbe

Es ist schade, Kaisenhäuser werden kein Weltkulturerbe der UNESCO. Es ist kein entsprechender Antrag auf Aufnahme in die Liste als immaterielles Weltkulturerbe bei Politik und Verwaltung in Vorbereitung. Dort wird höchst wahrscheinlich nicht einmal daran gedacht. Kommt jetzt vielleicht jemand auf den Gedanken? Auch der Landesverband der Gartenfreunde Bremen e.V. unterstützt solch ein Vorhaben nicht. Ja, es ist ein Aprilscherz, den ich mir hier mit dem gestrigen Beitrag „Kaisenhäuser werden Weltkulturerbe der UNESCO“ erlaubt habe.

Manches in dem Beitrag entspricht jedoch der Wahrheit: Tatsächlich wahr ist das bestehende wissenschaftliche Interesse an der Geschichte und der Entwicklung von Kaisenhäusern der Kulturtheoretikerin Dr. Elke Krasny/Wien und der Stadtplanerin Andrea Kleist/Melbourne. Zur Ausstellung „Hands-on Urbanism“ und dem begleitendem Buch von Elke Krasny durfte ich einen Beitrag „Leben auf der Parzelle“ leisten. Die Schau wurde mit meinem Beitrag Kaisenhäuser im Architekturzentrum Wien 2012 gezeigt und war auf der Biennale für Architektur in Venedig desselben Jahres vertreten. Nun tourt sie als Wanderausstellung durch verschiedene Städte/Länder und war bereits zweimal in Bremen zu sehen. Wahr ist auch das Interesse und der Besuch der Stadtplanerin Andrea Kleist/Melbourne (Senior Urban Strategist/ Fishermans Bend Task Force). Im Frühjahr 2015 durfte ich Andrea Kleist auf einem informativen Spaziergang zu Kaisenhäusern in Findorff und Walle vor Ort Eindrücke dieser Stadtentwicklung von unten geben. Der Realität entsprechen auch die Kriterien, die für eine Anerkennung als immaterielles Weltkulturerbe angegeben wurden.

Einige der im Beitrag aufgezeigten Vorteile sehe ich persönlich tatsächlich als Profite an, die durch den Erhalt von Kaisenhäuser als Gartenhäuser entstehen werden. Es ist nachhaltig, bestehende intakte Gebäude zu erhalten und weiterhin zu nutzen. Sie können noch viele Jahrzehnte dienlich sein. Es können gesellschaftlich, sozial und ökologisch wertvolle Projekte und Vorhaben in Gärten mit Kaisenhaus verwirklicht werden, die Kleingartenvereinen und deren Landesverband Anerkennung bringen würden. Solche Projekte und auch die private Nutzung können die strukturschwache Kleingartengebiete beleben und dazu beitragen, ihre finanzielle Situation zu verbessern. Nicht zuletzt können Kaisenhäuser als Gartenhäuser eine Bereicherung für viele Menschen darstellen, von denen einige in den Erhalt eines solchen Hauses investieren würden. Über einige positive, bereits existierende Beispiele habe ich bereits berichtet.

Unzutreffend ist hingegen die Behauptung im gestrigen Beitrag, dass der Landesverband der Gartenfreunde Bremen e.V. seine Meinung geändert habe und die hohe Bedeutung der Kaisenhäuser nun anerkenne. Ebenfalls unzutreffend ist die Behauptung in dem Beitrag, dass ein Vorstandsmitglied auf der Landesdelegiertenversammlung des Landesverbands der Gartenfreunde Bremen e.V. eine Anerkennung von Kaisenhäusern als Weltkulturerbe befürwortet haben soll. Diese Behauptungen sind ebenso wie jene, dass die Bremer Landesregierung einen Antrag auf Anerkennung als immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe auf den Weg gebracht habe, schlicht von mir erfunden und als Aprilscherz zu verstehen.

Ich wünsche allen ein feines Frühlingswochenende!

 

Kaisenhäuser werden Weltkulturerbe der UNESCO

Unerwartete und überraschend ist eine Lösung für die Causa „Kaisenhäuser“ in greifbare Nähe gerückt. Ein Antrag auf Anerkennung als immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe ist auf dem Weg und hat sehr große Chancen, dass er in Kürze positiv beschieden werden wird.

Wissenschaftlich wird die Bedeutung von Bremens Kaisenhäuser bereits über die Landesgrenzen der Bundesrepublik hinaus erkannt. Parallel zum Schreiben an meinem historischen Sachbuch „Mehr als ein Dach über dem Kopf – Bremens Kaisenhäuser“ durfte ich einen Beitrag verfassen zur umfangreichen Ausstellung „Hands-on Urbanism 1860-2012. Vom Recht auf Grün“ der Kulturtheoretikerin Elke Krasny/Wien, in der sie über 20 Beispiele aus aller Welt aus Geschichte und Gegenwart zusammengetragen hat. 2012 war die Schau mit meinem Beitrag „Wohnen auf der Parzelle – Bremens Kaisenhäuser“ im Architekturzentrum Wien zu sehen. Im selben Jahr war Krasnys Ausstellung auf der Biennale in Venedig vertreten, seitdem reist sie als gleichnamigen Wanderausstellung in verschiedene Städte weiterer Länder (Leipzig/Bremen/Aarhus/Toronto/Washington u.a.). Kürzlich hatte ich das besondere Vergnügen, Andrea Kleist/Senior Urban Strategist, Melbourne/Australien auf einem Spaziergang einige geschichtsträchtige Kaisenhäuser in Bremens Parzellengebieten zu zeigen. Die Stadtplanerin Andrea Kleist und die Wissenschaftlerin Elke Krasny, beide interessieren sich für die komplexen Prozesse der Stadtentwicklung u.a. mit dem Focus auf partizipative Elemente und die von politischer Seite (gewollte oder) ungewollte Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an der Gestaltung städtischer Räume. Da Kaisenhäuser bereits seit 70 Jahren existieren, das Wohnen auf der Parzelle in Bremen sogar seit 90 Jahren, besteht die einmalige Chance, solch eine Entwicklung, die als Bestandteil individueller Lösungsstrategien auf eine massive Wohnungskrise mitten in Europa verstanden werden kann, über einen langen Zeitraum zu analysieren. Architektur- und Sozialhistoriker*innen finden hier ein attraktives Forschungsfeld.

Diese hohe Bedeutung legt die logische Schlussfolgerung nahe, dieses besondere kulturelle Erbe, das Bremens Kaisenhäuser ohne Frage darstellen, anzuerkennen und die letzten noch existierenden intakten Gebäude als historische Artefakte langfristig zu erhalten. Welcher Weg soll sinnvoller Weise eingeschlagen werden, um diese Wohnhäuser als zeitgeschichtlichen Bestandteil der DIY-Baukultur sogenannter kleiner Leute für künftige Generationen zu sichern? Erfreulicherweise wird die bisher unterschätzte Bedeutung nun auch von der Bremer Landesregierung erkannt. Die Spitzenpolitiker beschreiten daher nun einen geeigneten Weg: Ziel ist es dabei, Kaisenhäuser als immaterielles Weltkulturerbe anerkennen zu lassen. Die zuständigen Stellen in der Bremer Landesregierung und Verwaltung (Senator für Umwelt und Bau, Landesamt für Denkmalpflege sowie Bürgermeister und Präsident des Senats) reichen den entsprechenden Antrag bei der Kultusministerkonferenz der Länder ein. Vorgespräche lassen mit großer Wahrscheinlichkeit erwarten, dass der Bremer Vorschlag in die deutsche Vorschlagliste für immaterielles Weltkulturerbe an die UNESCO aufgenommen werden wird, denn Kaisenhäuser sind entscheidend von Wissen und Können der Erbauer getragen und bringen deren Kreativität und Erfindergeist zum Ausdruck. Kaisenhäuser sind identitätsstiftend. Es sind Produkte einer handwerklichen Kunst, die damit geschützt werden. Damit finden sie sich in der Definition der Formen immateriellen Kulturerbes der UNESCO wieder:

„Formen immateriellen Kulturerbes sind entscheidend von menschlichem Wissen und Können getragen. Sie sind Ausdruck von Kreativität und Erfindergeist, vermitteln Identität und Kontinuität. … Zu den Ausdrucksformen gehören Tanz, Theater, Musik und mündliche Überlieferungen wie auch Bräuche, Feste und Handwerkskünste.“ 

Von der Anerkennung der Kaisenhäuser als immaterielles Weltkulturerbe, und die damit verbundene Popularität, werden alle Beteiligten profitieren: Die Stadt Bremen wird um eine historisch bedeutsame Attraktivität reicher, mit der eine neue Zielgruppe von Touristen angesprochen werden kann. Die Kaisenhausbesitzer wissen sich rechtlich abgesichert und werden in den Erhalt der kleinen Wohngebäude investieren, da diese nach dem Auslaufen des Wohnrechts dauerhaft als Gartenhäuser genutzt werden können. Das Potential der kleinen Häuser als Gartenhäuser erkennen schon jetzt weitere Interessenten, wie ich kürzlich hier in meinem Beitrag „Kaisenhaus mit Zukunft“ vorstellte. Last but not least werden die Kleingartengebiete durch den neuen, international anerkannten, schützenswerten Status der Kaisenhäuser positive Aufmerksamkeit erhalten, wodurch auch die Kleingärten aufgewertet werden. Die Nachfrage nach Gärten wird ansteigen.

Die hohe kulturelle Bedeutung von Kaisenhäusern soll inzwischen auch von Mitgliedern im Landesverband der Gartenfreunde Bremen e.V. erkannt worden sein. Zwar fallen  offizielle Mitteilungen noch anders aus, aber gut informierte Kreise berichten, dass Mitglieder des Landesvorstands die weitsichtige Vermutung geäußert haben, dass ein Verfahren zur Anerkennung von Kaisenhäusern als Weltkulturerbe bald in Gang gebracht werden würde. Einer derart bedeutsamen Ehrung der regionalen Geschichte die fester Bestandteil des Kleingartenwesens ist, wird man sich nicht entgegen stellen werden. Man sei von der positiven Wirkung zum Wohle des Kleingartenwesens überzeugt, wird gesagt.

[Nachtrag vom 4.4.: Dieser Beitrag war ein Aprilscherz.]