Früheres Kaisenhaus mit Eindrücken der wechselvollen Geschichte seiner Bewohner

Eine über 90jährige, hellwache und agile Frau, die ihren Gemüsegarten (30 qm) immer noch selbst umgräbt und seit fast 60 Jahren gerne in ihrem Kaisenhaus lebt, ließ mich vor kurzem freundlicherweise einen Blick in ihr privates Fotoalbum werfen. Auf diesem Bild ist das gepflegte, einfache Wohnhaus ihrer Eltern zu sehen, das einmal in Findorff im früheren Parzellengebiet Weidedamm stand, erzählt sie. Es hat ein Walmdach aus Holz, das mit Teerpappe bedeckt ist. Auf der Fensterbank der Veranda stehen zwei Töpfe mit Blühpflanzen. Schaut man genau hin, läßt sich dort, wo die Tüllgardinen aufgezogen sind, durch das gesamte Haus hindurchblicken, was die geringe Tiefe des Gebäudes verdeutlicht. Vor dem Haus stehen drei Obstbäume, eine Kirsche im Vordergrund. Hinten links wird ein schräg stehender Baumstamm mit zwei Kanthölzern o.ä. gestützt, vielleicht damit er den Frühjahrsstürmen stand hält. Ein paar Frühlingsblüher zeigen sich rechts vor dem Haus. Die Erde unter den Bäumen scheint umgegraben und sorgfältig geharkt worden zu sein. Sie ist bereit, um die kommende Gemüseaussaat aufzunehmen.

Auf dieser Parzelle fanden die Eltern meiner Gesprächspartnerin nach wechselvollen Jahren ein neues Zuhause. Aus wirtschaftlicher Not war die Familie mit den beiden Kindern Ende der 1920er Jahre aus Bremen fort nach Ostpreußen gegangen, wohin sie enge familiäre Verbindungen besaßen. Die freundliche Frau deutet die Erfahrungen der Eltern, die auch ihre eigene als junge Erwachsene war, an: Während des Nationalsozialismus‘ erfuhr die Familie in Ostpreußen Repressionen durch die Machthaber, der Vater war zeitweise inhaftiert. Nach Ende des Krieges wurde die Familie vertrieben und flüchtete. Mit verschiedenen Zwischenstopps kam sie nach einem dreiviertel Jahr nach Thedinghausen und dann – nach mehr als 15 Jahren – wieder nach Bremen. Durch den hier lebenden Onkel, der ausgebombt worden war und selbst ein Kaisenhaus gebaut hatte, fanden sie angesichts des lange andauernden Mangels an Wohnraum zum Wohnen auf der Parzelle in diesem Haus.

_klien

Foto: privat/undatiert

Nachtrag 9.10.15: Dieser Beitrag soll nicht dafür plädieren, die in Privatbesitz befindlichen Kaisenhäuser oder Lauben aktuell zur Verfügung zu stellen.

Dass das nicht umstandslos möglich ist, hat ein Kleingärtner In Berlin/Wilmrsdorf erfahren. Er griff eine entsprechende Idee der Stadtmission auf und wollte seine Laube als Unterkunft für geflüchtete Menschen zur Verfügung stellen. Darüber sprach er mit verantwortlichen Stellen. Das Scheitern seines Vorhabens und die Gründe dafür können im Tagesspiegel gelesen werden. Hier klicken „Gartenlauben für Fluechtlinge. Sie wollen helfen? Leider unmöglich“.

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