buten & binnen: Wohnen im Kaisenhaus [Filmclip]

Einblicke hinter die Mauern in ein Kaisenhaus von heute gibt ein 4 Minuten Beitrag von buten und binnen vom 13.8.2014. Manfred Drescher öffnet für das Team um Marianne Strauch seine Gartenpforte und auch die Haustür. Der Kaisenhausbewohner kämpft für den Erhalt seines Hauses mit Wohnrecht für seinen Sohn.

Der Filmbeitrag ist auch auf youtube zu sehen.

[… nur die genannten Zahlen sollte man nicht so ernst nehmen …]

Schade drum. [Kommentar]

Ein, zwei außergewöhnlich gestaltete Gärten, individuelle DIY-Lauben und besondere Charaktere, die ihre Parzelle als Rückzugsort, als Oase in der Großstadt genießen oder neue Gartenprojekte: Ich war gespannt auf Bilder, Eindrücke und Geschichten in der Wochenserie „Großstadtoasen“ von Radio Bremen und habe auf Beiträge gehofft, jenseits des gebetsmühlenartig wiederholten Vorurteils vom spießigen Kleingärtner der seinen Paragraphendschungel huldigt. Auch wenn mich die historischen Filmausschnitte gefreut haben, insgesamt bin ich entäuscht.

Liebe Leute, es gibt soviel mehr zu finden! Seit den 1988er Jahren, als Robert Bücking wegen etwas Kraut im Kleingarten abgekanzelt wurde, haben soviele andere Parzellisten mit ökologischem Ansatz ähnlichen Vorwürfen getrotzt, und sind auf ihren Parzellen geblieben. Sie haben in vielen Kleingartenvereinen dazu beigetragen, dass sich im letzten Vierteljahrhundert (!) vieles an Starre gelockert hat. Und ja klar, es gibt sie wirklich immer noch, die spießigen Kleingärtner, wie sie im Buche stehen. Und sie sind oft auch Funktionäre in den Vereinen. Aber, inzwischen gibt es eben auch die anderen, die freiheitsliebenden, alternativen Gärtner. Und das sind nicht wenige! Und es gibt ganz, ganz viele Formen zwischen dem Rasenkantenschneider und der Liebhaberin des Wildwuchs‘. Aktuell kommen wieder viele jüngere Leute und Impulse  der Urban Gardening-Bewegung in Bremens Parzellenkultur, dass es sich wirklich lohnt, diese neuen Strömungen aufzuspüren und ihnen nachzugehen. Wer thematisiert, dass die Stadt in der Waller Feldmark Kleingartenflächen als ökologische Ausgleichflächen für Bauten in Überseestadt und bei Aceor Metall ausweist und dafür auch EU-Mittel erhalten soll? Da erscheint es plötzlich in ganz anderem Licht, dass die Stadt das Gebiet vernachlässigt und verlassene Kaisenhäuser dort jahrelang sich selbst überlassen zu Ruinen werden. Und es gibt den brandaktuellen Streit in der Koaltition um das Wohnen auf der Parzelle in Kaisenhäusern. Lauter Themen, die für Bremerinnen und Bremer von Interesse sind.

Statt dessen wird wiedergekäut, was als Vorurteil nun wirklich jedem hinlänglich bekannt ist. Wenn es so weitergeht, wie in den ersten beiden Folgen, dann hat buten und binnen hier eine echte Chance verschenkt. Schade drum.

Hier lassen sich die Folgen online ansehen: buten und binnen.

aktualisiert. 11.50 Uhr

Großstadtoase Kleingarten bei buten und binnen

„Ob als Obst und Gemüsegarten mit schlichter Holzhüte, als Luxus-Variante mit verklinkertem Backsteinhaus oder als Zufluchtsort vor dem Stress des Alltags: Viele Bremen schaffen sich mit einem Kleingarten ihre ganz persönliche „Großstadtoase“. Eine kleine Entdeckungsresie durch die Hansestadt“, so kündigt Radio Bremen die aktuelle Wochenserie an.

Eine Vielfalt der Kleingartenkultur, die neben den individuellen Parzellen inzwischen auch Variationen von Gemeinschaftsgärten kennt. Das ungeliebte Thema Kleingartenverein und der Paragraphendschungel für die Gärten. Sogar das Wohnen auf der Parzelle in Kaisenhäusern, dass alles und viel mehr versprechen die Beiträge von Marianne Strauch und ihrem Team. Ich bin gespannt, welche Gartenbilder das Team in Bremen eingefangen hat und ganz besonders darauf, ob der brandaktuelle Streit in der Politik um den zukünftigen Umgang mit Kaisenhäusern aufgegriffen wird.

Ankündigung von Radio Bremen hier klicken.

Leserbriefe im Weser-Kurier

Zur aktuellen Debatte um den Fortbestand der Kaisenhäuser sind in den vergangenen Wochen einige Leserbriefe beim Weser-Kurier eingegangen und veröffentlicht worden, die ich hier in loser Folge vorstellen werde.

Weser-Kurier vom 1. Juli 2014

Weser-Kurier vom 1. Juli 2014

Aktion: Brief an den Bürgermeister

Kaisenhäuser sind weiter Streitthema in der Politik!
Erst nach der Sommerpause soll über den zukünftigen Umgang mit den letzten intakten Einfamilienhäuser in den Parzellengebieten Bremens entschieden werden.

Wer die Sache der Kaisenhäuser und ihrer Bewohner unterstützen will, kann das jetzt mit einem „Brief an den Bürgermeister“ machen. Mit diesem Schreiben kann jede Bürgerin und jeder Bürger den Bürgermeister Bremens bitten, sich in die kontroverse Debatte der Koalitionspartner SPD und Grüne einzuschalten, und sich zugunsten des Vorschlags des Bausenators einzusetzen. Der Bausenator und die Fraktion Die Grüne befürworten den Erhalt intakter Kaisenhäuser, während verantwortliche Politiker in der SPD an der kostspieligen Politik des Abrisses auch intakter Eigenheime festhalten, obwohl eine neue Rechtslage den Erhalt der Häuser möglich macht. Angeschoben wurden die Aktion kürzlich von der Interessengemeinschaft der Parzellenbewohner e.V., kurz: IG Parzellenbewohner, ein Verein, der sich seit Jahrzehnten für die rechtliche Anerkennung der kleinen Wohnhäuser auf den Parzellen einsetzt.

Jeder, der sich für den Erhalt der Kaisenhäuser einsetzen und bei der Aktion mitmachen. Kopieren sie den unten stehenden, kursiv gedruckten Brieftext, tragen sie oben ihre Absenderadresse ein, setzen ihre Unterschrift drunter und ab zur Post oder direkt im Rathaus an der Pforte abgeben. Fertig. Sie können dem Schreiben selbstverständlich um ihre individuelle Begründung anfügen.

Absender:

 

An den Bürgermeister und

Präsident des Senats der Freien Hansestadt Bremen

Herrn Jens Böhrnsen

Senatskanzlei

Am Markt 21

28195 Bremen

                                                                                        Bremen, im Sommer 2014

Erhalt der Kaisenhäuser

 

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

das berechtigte Anliegen der Kaisenbewohner hat meine vollste Unterstützung.

Für Kaisenbewohner gehörten jahrzehntelang diskriminierende Begriffe wie Behelfsheim, illegale Bewohner, Zwangsabriss und Bereinigung zu ihrem täglichen Leben.

Am Ende stand die Zerstörung ihres Lebenswerkes und ihre Kinder verloren ihr Zuhause.

Durch die vollkommen neue Rechtslage (BVerwG 4 CN 7.12 vom 11.07.2013) besteht die Möglichkeit die Häuser und das Dauerwohnrecht zu sichern, ohne den Gesamtstatus des Dauerkleingartengebiets zu gefährden.

Ein typischer Teil Bremer Geschichte bliebe erhalten, die Kleingärtner behielten ihren Schutz und die Kaisenbewohner bekommen endlich, was ihnen aus moralischer Sicht vor dem historischen Hintergrund schon lange zusteht. Auch wäre das unliebsame Thema für Politik und Behörde dann zufriedenstellend gelöst.

Die große Unterstützung der Bremerinnen und Bremer bei der Unterschriftensammlung für die öffentliche Petition in 2013 hat außerdem eindrucksvoll gezeigt, auf welcher Seite die Sympathien liegen.

Ich bitte Sie deshalb herzlich, die guten Vorschläge des Bausenators zu unterstützen, damit die Kaisenhäuser für Bremer Familien für die Zukunft erhalten bleiben.

Mit freundlichen Grüßen

Anerkennung der historischen Entwicklung als nachhaltige Lösung

Es ist an der Zeit im Umgang mit Kaisenhäusern, den Einfamilienhäusern auf den Parzellen, Bilanz zu ziehen und eine Kurskorrektur vorzunehmen: Seit Jahrzehnten wird für die Kleingartengebiete Bremens ein Zustand angestrebt, der ohne vereinzeltes Wohnen auf Parzellen auskommt, und den es möglicherweise einmal zu Beginn der Weimarer Republik gegeben haben mag – vergeblich.

Der eingeschlagene Kurs besteht darin, intakte Eigenheime abzureißen. Diese Zerstörung stößt bei vielen Menschen auf Unverständnis und führt nicht zur gewünschten Ordnung, sondern im Gegenteil zu einer außerordentlichen Verschlechterung der Gesamtsituation in mehreren Parzellengebieten der Stadt.

Stand: Heute existieren die letzten Kaisenhäuser als Einsprengsel zwischen den Parzellen in den Kleingartengebieten. Es sind 1000-1600. Damit ist ein Bestand von 1932 (!) wieder erreicht. Es handelt sich zumeist um intakte Wohngebäude, die vor 50 und mehr Jahren errichtet und seitdem mehrfach modernisiert worden sind. Diese werden von sogenannten Kaisen- und Kudellaauswohnern im Alter zwischen 45 und 98 Jahren berechtigterweise bewohnt. Dazu kommen Ehegatten der Kaisenhausbewohner und deren Kinder unter 18 Jahren. Diese leben in der scheußliche Situation, dass sie im Falle des Todes ihres wohnberechtigten Familienmitglieds umgehend aus dem Haus fortziehen müssen.

Seit 28.5.1974 liegt für alle Kaisenhäuser eine schriftliche Duldung vor, die am 9.7.2002 sogar noch einmal erweitert wurde. Die Hausbesitzer bzw. Bewohner haben ein lebenslanges Wohnrecht erhalten. In unmittelbare Folge der „Rahmenvereinbarungen zur Sanierung des Kleingartengebiets Waller Fleet“ 2002 stehen seit Jahren 215 Kaisenhäuser verlassen zum Abriss bereit. Viele der Gebäude sind zu Ruinen verfallen und wirken negativ auf einige, einmal sehr gerne genutzte grüne Naherholungsgebiete der Stadt. Die finanzielle Situation Bremens erlaubt es der zuständigen Behörde nicht, die Abrisse der Wohngebäude, die nach dem Ableben der Bewohner nicht mehr bewohnt werden dürfen, zeitnah einzuleiten, da die Kosten hierfür zwischen 10.000 und 20.000 Euro pro Gebäude liegen.

Der Vorschlag des Bausenators Joachim Lohse, Kaisenhäuser als Gartenhäuser zu erhalten, stellt einen ersten Ansatz in die richtige Richtung zur Kurskorrektur dar. Betrachtet man die Sache genauer, wird klar, dass eine gelingende Lösung darüber hinausgehen muss.

Eine nachhaltige Lösung liegt in der dauerhaften rechtlichen Anerkennung der verbliebenen intakten Kaisenhäuser in den Kleingartengebieten mittels ausnahmsweiser Festsetzung eines dauerhaften Bestandsschutzes für die Einfamillienhäuser. Daran gekoppelt werden sollte ein dauerhaftes Wohnrecht entsprechend der historisch gewachsenen Entwicklung. So wird Privatinitiative konstruktiv angeregt. Statt Wohneigentum mit öffentlichen Geldern zu zerstören, erhalten die Kleingartengebiete positive Impulse. Als attraktive Unikate und baukulturelle Besonderheiten befördern die Parzellenwohnhäuser auch das Gedeihen der Kleingartengebiete mit ihren Rückzugsmöglichkeiten aus dem Alltag, den kreativen Nischen und ihren Freiräumen. Die dringend benötigten grünen Naherholungsgebiete erhalten endlich wieder wohlwollende Aufmerksamkeit. Eine eindeutige win-win-Situation.

Solch eine Lösung werden die Kaisenhausbewohner außerordentlich zu schätzen wissen, denn sie stellt nicht nur ihr Eigentum und ihre Investitionen sicher, sondern würdigt auch ihren Einsatz und den ihrer Eltern für den Aufbau der Stadt in den äußerst schwierigen Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Damals war die Stadt über 25 lange Jahre nicht in der Lage, den 50.000 Menschen, die in 12.000 Wohnhäusern in den Kleingartengebieten lebten, eine Unterkunft zu geben. Vgl. „Häuser nicht bestrafen“.

Große Teile der Bremer Bevölkerung, die in einem Kaisenhaus aufgewachsen und inzwischen in alle gesellschaftlichen Schichten aufgestiegen sind, werden diese Lösung ebenso begrüßen, wie historisch interessierte Bremerinnen und Bremer.

Nicht zu verachten ist die Bedeutung dieser Lösung angesichts der Haushaltsnotlage des Landes Bremen. Schließlich kann bei jedem Kaisenhaus, das nicht abgerissen wird, je nach Größe zwischen 10.000 und 20.000 Euro gespart werden. Summa summarum liegt hier ein Einsparpotential von 15 Mio Euro Gesamtkosten verteilt über mehrere Jahre.