„Stadt reißt Kaisenhäuser ab“ – Gastkommentar & Bilanz

„Stadt reißt Kaisenhäuser ab“, hieß es kürzlich im Weser-Kurier. Einvernehmlich mit den Besitzern der Wohnhäuser, liest man dort. Diese Nachricht veranlaßte Uwe Siemann dazu, eine sachkundige Einschätzung zu den verheerenden Wirkungen der „Sanierung“ im Parzellengebiet in der Waller Feldmark vorzunehmen und eine Alternative vorzustellen. Der Architekt beobachtet die Entwicklung als Anlieger rund um seine Parzelle seit langem. Seine aussagekräftige Einschätzung stellt er mir nun freundlicherweise zur Veröffentlichung zur Verfügung.

Als ebenfalls vom Abriss betroffener Anlieger am Waller Fleet sehe ich mit Freude, dass über den zukünftigen Umgang mit Kaisenhäusern aktuell doch eine lebhafte öffentliche Diskussion geführt wird.

Leider wird der Niedergang dieses kulturellen Erbes der Nachkriegszeit dadurch bisher nicht aufgehalten. In den betroffenen Parzellengebieten verwildern nach wie vor brachliegende Grundstücke mit oder ohne Kaisenhaus. Ein brisantes Beispiel ist hier das Gebiet des Kleingärtnervereins Union: Die aktuelle Situation mit Ihrer Planungsunsicherheit und dem Damoklesschwert des drohenden Abbruchs führt zu einer weiteren Verwahrlosung noch bestehender Gebäude und umliegender Gärten. Wer würde schon in ein Haus investieren, das irgendwann sowieso dem Abrissbagger zum Opfer fällt? Und wer möchte schon einen Garten neben einer Ruine oder einem völlig verwildertem Grundstück übernehmen?

Auch die von der Stadt geplanten Abbrüche von weiteren 39 Kaisenhäusern allein in diesem Jahr werden die Situation in den betroffenen Gebieten nur verschärfen. Die Nachfrage nach geräumten Parzellengrundstücken ist in Höhe der geplanten Abbrüche einfach nicht da.

Viel einfacher wäre es natürlich eine Nachfolgeregelung für Parzellen mit bestehendem Kaisenhaus (auch renovierungsbedürftig) zu finden. Gerade für junge Familien mit Kindern wäre solch eine Regelung ein ideales Angebot für die Sommermonate.

Dass die Kaisenhäuser, um die es aktuell geht, freiwillig und „im Einverständnis mit den Eigentümern“ abgerissen werden, stimmt nicht so ganz. Als Besitzer eines Kaisenhauses ohne dauerhaftes Wohnrecht bestehen für sie zwei Möglichkeiten :

1. Sie melden das Grundstück frei, die Stadt Bremen organisiert den Abriss und trägt auch die Kosten.

2. Sie organisieren den Abbruch selbst und zahlen diesen auch selbst.

Schon allein aus Kostengründen würde sich wohl jeder für die erste Lösung entscheiden.

Danach stehen sie vor einem von Baggerfurchen durchzogenen Acker und können sozusagen von vorne anfangen, einen Garten – mit oder ohne Gebäude – wieder aufzubauen. Wenn sie denn von der swb überhaupt einen Stromanschluss und irgendwoher auch einen Wasseranschluss bekommen.

Hätte der betroffene Eigentümer wirklich eine freie Wahlmöglichkeit gehabt, würde er in den meisten Fällen wohl überhaupt nicht abreissen. Er könnte – so er es nicht mehr selbst nutzen möchte – Grund und Gebäude verpachten oder veräussern, wie jeder andere auch.

Es müsste auch kein Geld aus der chronisch klammen Stadtstaatskasse Bremens für die Vernichtung von Wohn- und Wochenendhäusern mehr ausgegeben werden. Bei angegebenen ca. 500 leerstehenden Gebäuden und ca. 10.000,- bis 12.000,- EUR Abrisskosten pro Haus macht das immerhin ca. 5.000.000,- bis 6.000.000,- EUR.

Die noch aktuell praktizierte Vorgehensweise der Stadt auf Grundlage eines ausgehandelten Kompromisses macht hier überhaupt keinen Sinn.
Wenn man nach den letzten Jahren Bilianz zieht, kann man feststellen, das hier lediglich der Verfall beschleunigt wird.
Eine sinnvolle Lösung ist das nicht.

Der aktuelle Vorstoss unseres Bausenators zu diesem Thema ist aus meiner Sicht unbedingt zu begrüßen – und mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine.

Zur Untermauerung meines Standpunktes sende ich die beigefügten Fotos.
Hier sehen Sie als kleine Auswahl Beispiele für

A – vom Abriss bedrohte Kaisenhäuser
B – ein freigeräumtes Grundstück , das seit Jahren brachliegt
C – die sinnvolle Nutzung eines Kaisenhauses als Parzelle mit Laube zeigt, wie es auch aussehen könnte.

Vielleicht ist es ja noch nicht zu spät, über alternative Lösungen nachzudenken – es lohnt sich.

Mit freundlichen Grüßen

Siemann

Vom Abriss bedrohte Kaisenhäuser. Foto: Uwe Siemann

Vom Abriss bedrohte Kaisenhäuser. Fotos: Uwe Siemann

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Geräumte Parzelle, die seit Jahren brach liegt. Foto: Uwe Siemann

Geräumte Parzelle, die seit Jahren brach liegt. Foto: Uwe Siemann

Sinnvoll genutztes Kaisenhaus als Wochenendhaus, das zeigt wie es auch aussehen kann. Foto: Uwe Siemann

Sinnvoll als Laube genutztes Kaisenhaus zeigt, wie es auch aussehen kann. Foto: Uwe Siemann

3 Gedanken zu „„Stadt reißt Kaisenhäuser ab“ – Gastkommentar & Bilanz

  1. Lieber Uwe,
    Eine klare Sichtweise, die zum positiven Handeln einlädt und führen muß !
    Diese Meinung teilen wirklich viele viele Bremer , Nichtbremer, Auswärtige und Abwanderer…
    Unser bezahlbarer Wohnraum, kaum mehr vorhanden…
    Eine Idylle, ein Fleckchen einer Parzelle ohne Vermüllung, Verwucherung ? Fehlanzeige..
    Unsere Haushaltslage? Ein großes Desaster..
    10 Gründe mehr, warum gut erhaltene und bewohnbare Kaisenhäuser stehen bleiben sollten!
    Susi♡

  2. Der Herr Siemann schreibt mir aus der Seele.
    Das sage ich schon seit Jahren.
    Man redet immer von den Ruinen, die dort stehen.
    Sicher ist es inzwischen angebracht, diese abzureißen, doch sollte man sich mal Gedanken machen, warum es dazu gekommen ist.
    Dies hat der Herr Siemann doch deutlich gemacht.
    Dafür vielen Dank

    • Ja, Herr Siemann schreibt sehr treffend, dass Kaisenhäuser staatlich verordnet zu Ruinen werden. So verfallen tolle städtische Grüngebiete innerhalb kurzer Zeit. Vor 12 Jahren waren sie noch lebendig und belebt von älteren und jüngeren Menschen.

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