Do-it-yourself als Bauprinzip

Schuppenzuschnitt

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Auf den ersten Blick scheint der Schuppen auf dem Bild wild zusammengeschustert und nur in Maßen stabil zu sein. Bereits auf den zweiten Blick werden jedoch Strukturen und bestimmte Bauprinzipien deutlich erkennbar. Schuppen lassen sich häufig auf bewohnten Parzellen finden und scheinen wie selbstverständlich dazu zu gehören. Das hier gezeigte Exemplar hat gut 45 Jahre auf dem Buckel und eine ganz besondere Geschichte, von der ich auf meinen Rundgängen am 10. Mai, 12. und 27. Juni erzählen werde (siehe aktuelle Termine). Darüber hinaus lassen sich an ihm allgemeine handlungsleitende Kriterien, die anfangs zum Bauen auf der Parzelle gehörten, verdeutlichen. Das Ziel war es, mit einem Minimum an finanziellem Aufwand auf Dauer benötigten Raum zu schaffen. Die Kriterien will ich am Beispiel des Schuppens vorstellen.

Dieses kleine „Gebäude“ steht einmal für den Schuppen als Lagerraum an sich. Solch zusätzlicher Raum war notwendig, da die kleinen Einfamilienhäuser auf den Parzellen in Bremen in der Regel nicht über einen Keller verfügten und die vorhandenen Wohnräume von der gesamten Familie, das waren Eltern, ihre Kinder und manchmal deren Großeltern sowie andere Verwandte, genutzt wurden. Daneben wird eine für diese Wohnkultur typische Do-it-yourself Bauweise ablesbar, die einzig der Funktionalität geschuldet ist. Ästhetische Kriterien, die für Architekten und andere Baumeister von Bedeutung sind, spielten dabei keine Rolle.

Welche Prinzipien liegen diesem Bau zugrunde? Ein rechteckiger, niedriger Raum von knapp zwei Meter Höhe wurde umbaut und mit einem langsam abfallenden Dach versehen. Durch die Begrenzung der Höhe konnte der Materialbedarf auf ein Minimum reduziert werden. Deutlich tritt die tägliche Praxis des Recyclings von Baumaterialien, die anderen Orts ihre Nützlichkeit verloren hatten, hervor. Für den gesamten kleinen Werkzeugschuppen scheinen Bretter, Türen und Fenster sowie Regenrinnen verbaut worden zu sein, die bereits ein Leben vor diesem Schuppen führten. Das Recycling und die knapp bemessene Bauweise hatten zum Ziel, mit einem Minimum an finanziellem Aufwand ein Maximum von benötigtem Raum zu schaffen. Ganz ohne neuwertige Baustoffe ließ sich so ein Lagerraum allerdings nicht errichten. An der Abdeckung des Daches wurde nicht gespart – hierfür wurde neuwertige Dachpappe von guter Qualität gewählt. Schließlich wollten die Besitzer die Haltbarkeit des kleinen Gebäudes und der darin verwahrten Gartengeräte, Mäher und Werkzeuge langfristig gewährleistet wissen. Die Holzlasur wurde stetig „erneuert“, besser gesagt abschnittsweise ergänzt, indem Pinsel, die anderweitig genutzt worden waren, an den Wänden ausgestrichen wurden.

Nicht nur die Wiederverwendung von Material, sondern auch die stetige Reparatur von marode werdenden Schuppenteilen stand im Zeichen der Sparsamkeit. An der Tür links im Bild wird dies deutlich. Hier wurde der untere Teil mit einem Stück Wellplastik versehen, um die von Regenwasser ausgefransten Bretter abzudecken. Die Klinke wurde einmal ausgewechselt. Die Verglasung der Türen und Fenster ist mit unterschiedlichen Glasarten vorgenommen worden. Eine Metalltür scheint erst kürzlich eingehängt worden zu sein. Erkennbar ist außerdem, dass die Praxis des Recyclings keine einmalige Sache, sondern kontinuierlich üblich war. Darauf verweisen die Nutzung eines ausgedienten Öltanks als Regenfass rechts vom Schuppen und die gesammelten und unter einem Überdach gelagerten Hölzer links davon. Dieses Überdach besteht aus einem nachträglich angebrachten Stück Zinkblech. Es könnte vor Ort bereits einen Funktionswandel durchlaufen haben. Warscheinlich wurde es ursprünglich einmal als Regenschutz für Fahrräder und später Mofas angefertigt, bevor es die Lagerfläche von Holz trocken hielt. Dieses Dach könnte auch der Vorläufer eines weiteren Anbaus an den Schuppen sein – wenn da nicht massive Kontrollen durch die zuständige Behörde wären. Bei diesem Punkt sind wir bei den üblichen Anbauten angekommen, die als zentrales Kriterium zur Bauweise auf der Parzelle gehören.

Ein Bewegungsmelder für eine Außenlampe macht deutlich, dass man hier modernen Entwicklungen gegenüber nicht abgeneigt war, wenn sie sich als nützlich erwiesen. Die Zuführung der notwendigen elektrischen Leitung wurde improvisiert (links oben im Bild). In diesem Zusammenhang ist es interessant zu wissen, dass es in Kleingartengebieten nachts sehr dunkel war und ist, denn auch als diese Gebiete dicht besiedelt waren, gab es durch mehrere Jahrzehnte keine Straßenbeleuchtung. Nach langem, engagierten Einsatz von Bewohnern und Interessengruppen wurden für eine gewisse Zeitspanne Straßenlaternen in einzelnen Wegen installiert. Vereinzelt sind heute noch solche Lampen im Einsatz.

Gartenbank, Stuhl und Tisch stehen vor dem Schuppen und dienen der Pause. Sie sind übrigens voll funktionsfähig und bequem.

Die Frage, ob das an der Außenwand angebrachte alte Schwungrad eines Spinnrades als Schmuck gedacht oder hier eine vorrübergehende Zwischengelagerung fand, kann hier nicht geklärt werden.

Funktionalität, Sparsamkeit, Do-it-yourself Bauweise nach persönlichem Können und der Anbau unter Einbeziehung vorhandener Gebäude waren handlungsleitende Prinzipien beim Bauen auf der Parzelle in den 1940 bis 1960er Jahren. Es sind universelle Kriterien, die weltweit typischerweise genutzt werden, wenn Menschen sich mit äußerst wenig Geld eine Unterkunft schaffen müssen.

Foto: Kirsten Tiedemann

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