Der Trümmermörder – Krimi im Alltag der Nachkriegszeit

Cay Rademacher, Der Trümmermörder, Dumont Köln 2011, € 9,90

Wer sich für den Lebensalltag der Nachkriegszeit in einer besetzten und in weiten Teilen zerstörten Hansestadt interessiert, kann durch Cay Rademachers Krimi „Der Trümmermörder“ einen lebhaften Eindruck gewinnen. Vor der Kulisse des Jahrhundertwinters 1946/47 lässt der Historiker Rademacher Oberinspektor Staves in den Trümmern Hamburgs nach einem Serienmörder fahnden. Die Bühne kriminalpolizeilicher Arbeit eignet sich gut, um die Lebensbedingungen einer Nachkriegsgesellschaft auszuleuchten. Seine Ermittlungen führen Oberinspektor Staves in verschiedene Bezirke und Gesellschaftsschichten der Stadt, die zur britischen Besatzungszone gehörte. Dramatische Wohn- und Lebensverhältnisse der stark zerstörten Hafenstadt werden sichtbar, ebenso wie die massive Knappheit an Lebensmitteln und Heizmaterial. Unterschiedliche Strategien, um den Mangel an allem existentiell Notwendigen zu beheben, nennt der Autor ohne moralischen Zeigefinger: Der eine Mensch ist dem Menschen ein Wolf, der andere orientiert sich an grundlegenden humanistischen Werten des Miteinanders, dehnt diese aber aus. Cay Rademacher deutet die durch Nationalsozialismus, Krieg, Verfolgung und Folter gequälten Seelen an. Die unzureichende Entnazifizierung einerseits, eine nun zu anderen Zwecken verwendete Bürokratie andererseits. Einige ungebrochene personelle Kontinuitäten. Das damals geschaffene Suchsystem, um Abermillionen Menschen verstreut über Europa und die UDSSR wieder zueinander finden zu lassen – ohne Internet und Mobiltelefon. Das Nebeneinander von Tätern und Opfern. Die Anonymität trotz massiver räumlicher Beengtheit. Die Möglichkeiten, in chaotischen Zeiten unterzutauchen, in der es mit etwas Geschick leicht war, die Identität zu wechseln. Auch die ungeheuren Anstrengungen, die nötig waren, um eine kriegerische Gesellschaft in eine Zivilgesellschaft umzuwandeln, deuten sich an. Dem Historiker gelingt es, all diese Aspekte  anzureißen und in einen fiktiven Plot um einen authentischen Serienmord herum zu weben. Ganz beiläufig vermittelt er uns in diesem gut zu lesenden Krimi, der unerwartete Wendungen bereit hält, eine Annäherung an den Alltag jener Jahre und die unterschiedlichen menschlichen Reaktionen auf solch außerordentliche Lebensumstände. So ähnlich kann der Alltag vor 65 Jahren auch in Bremen gewesen sein – mit dem Unterschied, dass Bremen eine amerikanische Enklave war und, dass viele Menschen in Bremen statt in Nissenhütten aus Wellblech in Behelfsheimen aus Brettern und Ziegeln auf der Parzelle gelebt haben.

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